Seit einiger Zeit kursiert in sozialen Medien und im Feuilleton der Begriff des „Heterofatalismus“. Unter diesem Schlagwort werde verhandelt, ob heterosexuelle Beziehungen überhaupt noch eine Zukunft hätten. Nina Pauer und Lars Weisbrod nehmen in ihrer Besprechung verschiedene journalistische Texte und Diskursbeiträge auseinander, die sich mit dieser Frage befassen – von einem Vogue-Artikel über die angebliche Peinlichkeit, einen Freund zu haben, bis hin zu einer Replik in der Welt, die den Frauen die Schuld am Liebesverlust gebe. Die Diskussion wird dabei als ein Ringen um Deutungshoheit dargestellt: Beide Seiten beanspruchten die Romantik für sich und machten die jeweils andere Seite für deren Niedergang verantwortlich. Als zentraler Referenzpunkt dient die Beobachtung, dass sich feministische Positionen zunehmend von der Forderung nach anderen Männern hin zur Forderung nach gar keinen Männern bewegten.

Zentrale Punkte

  • Heterofatalismus als ambivalenter Kampfbegriff Der ursprünglich von Asa Seresin 2019 geprägte Ausdruck „Heteropessimismus“ habe eigentlich eine kritische Perspektive auf das Aufgeben von Männern beschrieben. In der aktuellen Debatte werde der Begriff nun aber oft als affirmative Selbstbeschreibung von Feministinnen verwendet, die für einen vollständigen Verzicht auf Beziehungen mit Männern plädierten.
  • Statistik als politisches Argument Wiederholt werde mit Statistiken argumentiert – etwa dass Frauen mit höherer Wahrscheinlichkeit von ihrem Partner getötet würden – um die grundsätzliche Gefährlichkeit heterosexueller Beziehungen zu belegen. Lars Weisbrod wende ein, dass dieselbe statistische Logik, auf andere Gruppen angewandt, sofort als diskriminierend gelten würde, was die politische Aufladung der bloßen Zahlen verdeutliche.
  • Romantik als umkämpftes Gut Sowohl feministische als auch maskulinistische Beiträge beanspruchten die romantische Liebe für die eigene Seite. Der Welt-Autor Julian Theilen etwa werfe den Frauen vor, die Romantik aufgegeben zu haben und stelle Männer als das eigentlich romantische Geschlecht dar. Auch die SZ-Autorin Nele Sophie Karsten ende mit einem Appell, das Patriarchat in gemeinsamer Liebe zu überwinden – Romantik werde so zum Lösungsversprechen einer festgefahrenen Debatte.

Einordnung

Das Gespräch zeichnet sich durch eine differenzierte und selbstreflexive Diskussionskultur aus. Besonders die Offenheit, mit der Lars Weisbrod seine eigene Zerrissenheit schildert – zwischen tief empfundenem Unbehagen an Männlichkeit und wachsendem Ressentiment gegenüber dem „Gegenwartsfeminismus“ –, verleiht der Episode Tiefe jenseits polarisierter Lager. Die Sprecher arbeiten präzise heraus, wie beide Seiten des Diskurses mit ähnlichen rhetorischen Mitteln und emotionalen Ansprüchen operieren, und machen die Widersprüche der Debatte sichtbar.

Allerdings bleibt der Diskurs in einem heteronormativen Rahmen verhaftet, der selbst nicht hinterfragt wird. Die binäre Gegenüberstellung von Mann und Frau wird als selbstverständlich gesetzt, queere Perspektiven auf Beziehungen und Machtverhältnisse tauchen nicht auf. Zudem wird die wiederholte Berufung auf Statistik durch Weisbrod zwar treffend problematisiert, aber die grundlegendere Frage, warum Sicherheitserwägungen und Risikokalkulationen überhaupt zur dominanten Sprache für Beziehungen geworden sind, wird nicht gestellt. Das Gespräch bleibt damit überwiegend auf der Ebene einer Diskurs-Beobachtung, ohne die materiellen Bedingungen – etwa ökonomische Zwänge oder Wohnverhältnisse – zu thematisieren, die heterosexuelle Partnerschaften ebenfalls prägen.

Hörempfehlung: Für alle, die einen klugen, unaufgeregten Blick auf den aktuellen Geschlechterdiskurs suchen und sich von ironisch gebrochener Selbstreflexion nicht abschrecken lassen.

Sprecher:innen

  • Nina Pauer – ZEIT-Feuilleton-Redakteurin, Moderatorin des Podcasts
  • Lars Weisbrod – ZEIT-Feuilleton-Redakteur, Co-Moderator