Die Donauinsel, heute selbstverständlicher Teil des Wiener Stadtbildes, stand in ihrer Planungsphase mehrfach vor einer völlig anderen Zukunft: Das Gebiet hätte bebaut, als Truppenübungsplatz genutzt oder in ein „Klein-Venedig“ verwandelt werden können. In dieser Wiener Vorlesung zur Stadtgeschichte rekonstruieren der ehemalige Stadtentwickler Bruno Domany, die Ökologin Gertrud Haidvogl und die Kuratorin Martina Nußbaumer unter der Leitung von Marlene Nowotny den langen Weg von den ersten Hochwasserschutz-Debatten bis zur Eröffnung des heutigen Naherholungsgebiets. Das Gespräch kreist dabei um die Frage, wie sich städtische Nutzungsinteressen, naturschützerische Anliegen und planerische Zufälle zueinander verhielten – und warum die Entscheidung für einen weitgehend unbebauten Grünraum keineswegs von Anfang an feststand, sondern das Ergebnis politischer Aushandlungen und taktischer Interventionen einzelner Planer war.

Zentrale Punkte

  • Hochwasserkatastrophe als Auslöser Das Hochwasser von 1954, bei dem am Handelskai das Wasser eineinhalb Meter hoch gestanden habe, sei der entscheidende Anstoß für neue Hochwasserschutzpläne gewesen. Der anschließende Planungsprozess habe sich über 15 Jahre hingezogen und sei parteipolitisch aufgeladen gewesen, bevor 1969 der Gemeinderat mit den Stimmen von SPÖ und FPÖ den Bau eines Entlastungsgerinnes mit aufgeschütteter Insel beschlossen habe.
  • Bebauungspläne als Normalfall In den Architekturwettbewerben zur Donauinsel sei eine Bebauung – vor allem im Bereich der Brücken – durchgängig vorgesehen gewesen. Der spätere Verzicht auf Wohn- und Gewerbebauten sei keiner ökologischen Weitsicht entsprungen, sondern dem Umstand geschuldet, dass Landschaftsplaner alternative Entwürfe in die Jury einschleusten und Jurymitglieder durch eine zufällige Buspanne die landschaftlichen Qualitäten des Überschwemmungsgebiets unmittelbar erlebten.
  • Naturschutzbewegung erst im Nachhinein wirksam Eine breite zivilgesellschaftliche Protestbewegung wie bei Zwentendorf oder Hainburg habe es in der Planungsphase noch nicht gegeben. Erst während des laufenden Baus in den 1980er Jahren, unter dem Eindruck der Hainburg-Besetzung, sei das Bewusstsein für den Wert von Aulandschaften gewachsen und habe zur Anlage erster Gewässerhabitate auf der Insel geführt.

Einordnung

Die Diskussion zeichnet sich durch eine dichte, quellengesättigte Rekonstruktion aus, die planerische Wendepunkte sichtbar macht und die Kontingenz stadtpolitischer Entscheidungen betont. Die unterschiedlichen fachlichen Hintergründe der Diskutant:innen – Stadtplanung, Umweltgeschichte, kuratorische Forschung – ergeben ein differenziertes Bild, das ökologische, soziale und politische Dimensionen miteinander verknüpft. Besonders aufschlussreich sind die Schilderungen Bruno Domanys, der als Beteiligter Einblicke in informelle Entscheidungswege gibt, etwa wenn er beschreibt, wie er alternative Planungsentwürfe gezielt in die Jury „eingeschleust“ habe, um die Diskussion zu verschieben.

Die Perspektive derjenigen, die das alte Überschwemmungsgebiet vor dem Bau der Insel als informellen Freiraum nutzten, bleibt weitgehend blass – ihre Proteste werden erwähnt, aber nicht vertieft. Auch gegenwärtige Nutzungskonflikte auf der Insel, etwa zwischen Erholungssuchenden und Naturschutz, spielen kaum eine Rolle. Die Erzählung strukturiert sich um den letztlich erfolgreichen Kampf gegen eine Bebauung, wobei die ökologischen Kosten der Baumaßnahme – das Verschwinden einer dynamischen Aulandschaft – zwar benannt, aber nicht ins Zentrum gerückt werden. Ein Zitat von Bruno Domany illustriert die emotionale Aufladung der Planungsfrage: „In meiner Verzweiflung, dass mein Kindheitstraum […] durch eine Bebauung gestört ist, haben wir dann überlegt, wie können wir eine Alternative entwickeln.“ Hier zeigt sich, wie persönliche Naturerfahrungen einzelner Planer die stadtpolitische Richtung mitbestimmten.

Hörempfehlung: Für alle, die sich für die Entstehungsgeschichte von Stadträumen interessieren, bietet die Episode einen facettenreichen Blick hinter die Kulissen der Wiener Stadtplanung.

Sprecher:innen

  • Bruno Domany – Ehemaliger Stadtentwickler, an der Planung der Donauinsel beteiligt
  • Gertrud Haidvogl – Ökologin und Expertin für Wassermanagement
  • Martina Nußbaumer – Kuratorin der Donauinsel-Ausstellung am Wien Museum
  • Marlene Nowotny – Moderatorin (keine weitere Rolle im Transkript genannt)