Der Autor kehrt für dieses Feature über ein Jahr lang immer wieder in seine Heimatstadt Singen zurück, um zu verstehen, warum die AfD dort bei der Bundestagswahl 2025 mit fast 30 Prozent stärkste Kraft wurde. Er bewegt sich dabei im Spannungsfeld zwischen persönlicher Erfahrung und journalistischer Recherche: Aufgewachsen in Singen, längst weggezogen, wird er nun zum Beobachter einer Entwicklung, die er sich nicht erklären kann. Die zentrale Argumentation des Features laufe darauf hinaus, dass die AfD-Stärke auf eine Mischung aus wirtschaftlicher Verunsicherung in der Industriearbeiterschaft, einem Gefühl des Kontrollverlusts bei der Migration und der fehlenden Ansprache durch etablierte Parteien zurückzuführen sei. Auffällig sei, dass die AfD-Erklärung kaum ideologisch, sondern vor allem als Reaktion auf konkrete politische Versäumnisse dargestellt werde – und dass die Widersprüchlichkeit betont werde, wonach viele Wähler:innen selbst migrantische Wurzeln hätten.

Zentrale Punkte

  • Arbeiterpartei wider Willen Die AfD werde in Singen vor allem als Partei der arbeitenden Bevölkerung wahrgenommen. Viele Beschäftigte in den großen Industriewerken fühlten sich von SPD und Gewerkschaften nicht mehr vertreten und hätten Angst um ihre Arbeitsplätze. Die Energiepreise und der wirtschaftliche Wandel träfen eine Stadt, die ihren Wohlstand auf Arbeitsmigration aufgebaut habe, nun aber genau diese Migration als Bedrohung erlebe.
  • Migration als Konkurrenzthema Eine zentrale Rolle spiele die Darstellung, dass neu ankommende Geflüchtete mit bereits länger hier lebenden Migrant:innen um Ressourcen und Anerkennung konkurrierten. Menschen, die selbst als Arbeitskräfte ins Land gekommen seien, äußerten Unmut darüber, dass andere ohne Arbeit alles bekämen. Der Begriff der Remigration werde in der Diskussion unter Auszubildenden dabei sowohl als Tabu als auch als legitime Forderung verhandelt.
  • Die AfD als Projektionsfläche In den Gesprächen mit Schüler:innen und Gemeinderäten werde die AfD weniger als rechtsextreme Partei, sondern als rebellische Stimme gegen das Establishment gezeichnet. Ihre fehlende Regierungserfahrung mache sie für junge Menschen attraktiv, weil sie keine politischen Fehler vorweisen könne. Der Autor dokumentiere dabei eine Annäherung an die AfD, die sich argumentativ stark auf die Rückkehr zu einem idealisierten Deutschlandbild stütze – ein Narrativ, das auch von einigen befragten Migrant:innen geteilt werde.

Einordnung

Das Feature gewinnt seine Stärke aus der dichten atmosphärischen Reportage. Kowalczyk lässt sehr unterschiedliche Stimmen sprechen – vom Oberbürgermeister über Gewerkschafter, Auszubildende, Lehrkräfte bis hin zu den lokalen AfD-Vertretern. Gerade der Zugang zu den AfD-Gemeinderäten gelingt ihm trotz anfänglicher Blockadehaltung der Partei und offenbart deren innere Widersprüche: Ein Gemeinderat gibt zu, den inzwischen verurteilten ehemaligen Ortsvorsitzenden „in die Partei reingezogen“ zu haben, während ein anderer betont, selbst Flüchtlinge ausgebildet und vor Abschiebung bewahrt zu haben. Dass der Autor auch die Versuche der jungen Auszubildenden einfängt, über ihre widersprüchlichen Haltungen zu sprechen – etwa die eigene frühere Queerfeindlichkeit oder die Angst, wegen ihrer Migrationsgeschichte selbst Ziel von Remigrationsforderungen zu werden – gehört zu den eindrücklichsten Passagen. Der Vertrauensaufbau, der nötig ist, um solche Gespräche zu ermöglichen, wird glaubwürdig vermittelt und der Autor hält im Aufeinandertreffen mit dem AfD-Landtagsabgeordneten auch den Versuch aus, seine politische Haltung auszuforschen.

Gleichzeitig bleibt die Analyse an manchen Stellen der Rahmung verhaftet, die sie kritisch untersuchen will. Migration wird im gesamten Stück fast ausschließlich als Problem verhandelt – sei es als Belastung des Wohnungsmarkts, als Sicherheitsrisiko oder als Konkurrenz um Ressourcen. Die Perspektive von Geflüchteten selbst, die nicht als warnendes Beispiel oder dankbare Auszubildende auftreten, sondern einfach als Bewohner:innen dieser Stadt, fehlt. Auch die Frage, wie einheimische Strukturen (Arbeitsmarktzugang, Diskriminierungserfahrungen der ersten Generation) die Dynamik des Gefühls des „Abgehängtseins“ mitprägen, wird nur gestreift. Auffällig ist, dass der Autor das Kriminalitätsnarrativ – die Behauptung, die Kriminalität habe seit 2015 zugenommen – zwar mit der Aussage des Polizeireviers konterkariert, diesem Widerspruch aber nicht weiter nachgeht. So wird die Frage nach der Kriminalität erst gestellt und dann faktisch widerlegt, ohne die Funktion dieses Motivs für die Erzeugung eines Bedrohungsgefühls einzuordnen. Dennoch liefert das Feature, wie hier der AfD-Landtagsabgeordnete das Narrativ seiner Partei erklärt, eine erhellende Selbstdarstellung: „Wenn die AFD kommt, dann schmeißen die alle Ausländer raus. Quatsch, ein ganz großer Quatsch. Allein schon, dass man sieht, dass die eine Schule besuchen, in dem Moment sind sie für uns schon Leute, die wir hier haben wollen“. So wird die Anpassung an ein integrationspolitisches Normalmodell zum einzigen verbleibenden Kriterium der Zugehörigkeit.

Hörempfehlung: Eine hörenswerte, nahbare Reportage für alle, die verstehen wollen, wie sich politische Stimmungen in einer konkreten Stadt mit ihrer spezifischen Industrie- und Migrationsgeschichte aufbauen – und warum einfache Antworten darauf so schwerfallen.

Sprecher:innen

  • Charly Kowalczyk – Autor des Features, aufgewachsen in Singen
  • Bernd Häusler – Oberbürgermeister von Singen (CDU)
  • Heinrich Holl – Betriebsratsvorsitzender a.D. der Constellium-Werke
  • Georg Borchert – AfD-Gemeinderat in Singen, Schreinermeister
  • Waldemar Koschel – AfD-Gemeinderat in Singen, Russlanddeutscher
  • Bernhard Eisenhut – AfD-Landtagsabgeordneter für Singen-Stockach
  • Schüler:innen der Hohentwiel-Gewerbeschule und des Hegau-Gymnasiums – Auszubildende und Oberstufenschüler:innen