In dieser Episode von Table.Today diskutiert Markus Weißkopf mit Hans-Hennig von Grünberg, Professor für Wissens- und Technologietransfer, über die Frage, warum deutsche Forschungsergebnisse so selten in der Praxis ankommen. Ausgangspunkt ist ein ungewöhnlicher Datenschatz: Von Grünberg hat 482 eingereichte Skizzen für die gescheiterte DATI-Pilotförderung mit Hilfe von KI analysiert. Im Gespräch wird die Annahme als selbstverständlich gesetzt, dass ein funktionierender Transfer für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft überlebensnotwendig sei und das aktuelle System daran strukturell scheitere.
Zentrale Punkte
- Transfer scheitert früh Fast drei Viertel der Projekte verharrten laut der Analyse in der frühen Forschungsphase, obwohl das Programm explizit die Anwendung fördern sollte. Von Grünberg spricht von einer „Transferblockade“ und sieht ein strukturelles, nicht nur ein finanzielles Problem.
- Drei tief verwurzelte Ursachen Die KI-gestützte Auswertung identifiziere drei Kernhemmnisse: die operative Überlastung des Mittelstands, eine kulturelle Kluft zwischen wissenschaftlicher Reputationslogik und wirtschaftlichem Effizienzdenken sowie eine überbordende, Ideen erstickende Bürokratie.
Einordnung
Die Episode bietet einen erhellenden, datengestützten Blick auf konkrete Reibungsstellen im deutschen Innovationssystem und arbeitet nachvollziehbar heraus, wie gerade mittelständische Unternehmen aufgrund von Fachkräftemangel und Tagesgeschäft den Anschluss an Spitzenforschung verlieren. Die systematische Auswertung der gescheiterten Anträge als „Messsonden“ für reale Barrieren ist ein kreativer methodischer Ansatz, der überraschende empirische Einblicke liefert. Die Fokussierung auf praktische Transferhemmnisse vermeidet das häufige, aber wirkungslose Lamento über fehlende Fördermittel.
Allerdings bleibt eine kritische Einordnung des ursprünglichen DATI-Programms und seiner politischen Genese fast vollständig aus. Dass die DATI ein Prestigeprojekt der Grünen war und ihr Scheitern auch ein politisches Signal darstellt, wird nicht thematisiert. Die Diskussion setzt zudem unhinterfragt voraus, dass die bloße Beschleunigung von Transfer per se positiv ist und wirtschaftliche Verwertbarkeit das oberste Ziel von Wissenschaft sein müsse. Perspektiven von Forschenden, die Grundlagenforschung als Wert an sich sehen, oder eine systemkritischere Haltung zu Wachstumslogiken kommen nicht vor. Mit Aussagen wie „Wir müssen die Leute dazu bringen, sich in der Wissenschaft auch einfach die Innovation zur Aufgabe zu machen", wird eine spezifische ökonomische Erwartung an das Wissenschaftssystem formuliert, aber kein Raum für eine Diskussion über mögliche Zielkonflikte gelassen.
Sprecher:innen
- Markus Weißkopf – Chefredakteur Research.Table
- Hans-Hennig von Grünberg – Professor für Wissens- und Technologietransfer, Universität Potsdam