Wenige Tage vor dem Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada blickt der Podcast auf die Organisation hinter dem Turnier. Die Gastgeber Kadi Schneider und Andreas Krobock sprechen mit Sportredakteur Christoph Becker und dem Korruptionsexperten Mark Pieth über die Strukturen des Weltverbands FIFA unter Präsident Gianni Infantino. Im Zentrum steht die Frage, wie sich der Verband seit dem großen Korruptionsskandal von 2015 entwickelt hat. Als selbstverständlich wird dabei vorausgesetzt, dass die Vergabe großer Sportereignisse zwangsläufig den größten Märkten und finanzstärksten Akteuren folgt. Die eigentliche sportliche Begeisterung der Fans erscheint in dieser Darstellung als manipulierbare Konstante, die von Funktionären strategisch genutzt werde, um wirtschaftliche und politische Ziele durchzusetzen.

Zentrale Punkte

  • Infantinos Alleinherrschaft Im Unterschied zu früheren FIFA-Präsidenten wie Sepp Blatter habe Gianni Infantino die Macht im Verband nahezu vollständig auf sich vereint. Er treffe Entscheidungen im Alleingang, setze unabhängige Kontrollgremien systematisch durch willfährige Personen außer Kraft und sichere sich durch massive finanzielle Zuwendungen die stumme Gefolgschaft der über 200 Mitgliedsverbände weltweit.
  • Reform als leere Hülle Die nach dem Skandal von 2015 eingeführten Governance-Reformen werden als praktisch wirkungslos beschrieben. Institutionen, die für unabhängige Kontrolle sorgen sollten, seien zwar auf dem Papier vorhanden, aber systematisch ausgehöhlt worden. Korruption lasse sich heute zwar schwerer juristisch nachweisen, die strukturellen Verflechtungen von Geld, Macht und politischen Interessen bestünden jedoch unverändert fort.
  • Politisches Taktieren mit Trump Das Verhältnis zwischen Infantino und US-Präsident Donald Trump wird als taktische Anbiederung geschildert. Infantino nutze die WM, um im Glanz der weltweiten Aufmerksamkeit zu stehen, während Trump das Turnier als Bühne seiner Politik inszeniere. Die Fußball-WM werde so zu einem Instrument geopolitischer Interessen, bei dem sportliche Kriterien hinter machtpolitische Kalküle zurücktreten müssten.

Einordnung

Die Episode bietet eine erhellende und dicht recherchierte Aufarbeitung der Machtmechanismen innerhalb der FIFA, die über eine rein sportjournalistische Perspektive weit hinausgeht. Besonders stark ist die historische Einbettung: Der Bogen vom FBI-Zugriff im Zürcher Hotel Baur au Lac 2015 bis zur virtuellen WM-Vergabe 2024 zeichnet ein konsistentes Bild systematischer Machtsicherung. Die Einbindung des ehemaligen FIFA-Reformers Mark Pieth sowie des Sportredakteurs Christoph Becker bringt fundierte Innensichten, während Krobocks Einwürfe zur deutschen Vergabe 2006 die strukturelle Dimension des Problems über Infantino hinaus deutlich machen.

Die Analyse verbleibt allerdings weitgehend im Rahmen eines moralisierenden Gestus, der Korruption beklagt, ohne die zugrundeliegende Logik grundsätzlich zu hinterfragen. Kapitalistisches Wachstum, globale Markterschließung und die Prämisse, dass Sportereignisse automatisch dorthin gehen, „wo das meiste Geld fließt", werden zwar kritisch benannt, aber als unveränderliche Tatsachen gesetzt. Was fehlt, ist die Stimme derer, die alternative Organisationsmodelle jenseits der FIFA-Dichotomie von „Reform oder Korruption" verfolgen. Die Berichterstattung fokussiert stark auf die personellen Verfehlungen Infantinos und Trumps – strukturelle Alternativen zur kommerzialisierten Sportgroßveranstaltung oder basisdemokratische Ansätze von Fan-Organisationen kommen nicht vor.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie Macht im Weltfußball jenseits des Rasens funktioniert und warum die Empörung nach jedem Skandal so wirkungslos verpufft, ist diese Episode eine lohnende, dicht informierte Stunde.

Sprecher:innen

  • Kadi Schneider – Moderatorin, FAZ-Auslandspodcast „Machtprobe"
  • Andreas Krobock – Leiter der FAZ-Audioredaktion, Moderator
  • Christoph Becker – Stellv. Ressortleiter FAZ-Sportredaktion
  • Mark Pieth – Schweizer Korruptionsexperte, ehem. Leiter FIFA-Governance-Gremium