Diese Panel-Diskussion vom 3. April in Washington nimmt die in Washington vorherrschende Sichtweise, das Verhältnis zu China sei vor allem ein Technologie-Wettstreit, kritisch auseinander. Moderiert von Kat Duffy, durchleuchten die Expert:innen Samm Sacks, Jeff Ding, Mieke Eoyang und Selina Xu die Annahme, der Wettlauf um Künstliche Intelligenz (KI) sei eine Art Nullsummenspiel. Sie alle teilen die Beobachtung, dass die Rede von der „Rivalität“ ganz bestimmten Interessen diene, während sie gleichzeitig konstruktive Handlungsräume verstelle. Im Gespräch wird die Vorstellung hinterfragt, China sei ein einziger, monolithischer Akteur mit einer einheitlichen Strategie, und es wird einer differenzierteren Sicht das Wort geredet.
Zentrale Punkte
- „Rivalität“ als interessengeleiteter Rahmen Der Begriff der „Rivalität“ werde zwar von beiden Seiten als gegeben wahrgenommen, beschreibe aber kein zwingendes Naturgesetz. Er diene vor allem bestimmten Akteuren und Interessen aus Sicherheits- und Wirtschaftskreisen und erzeuge eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die einen Nullsummen-Konflikt erst herstelle.
- Wettstreit als „Diffusions-Marathon“ Der gegenwärtige Fokus auf einen Sprint zur Allgemeinen Künstlichen Intelligenz (AGI) werde kritisiert. Eigentlich gehe es bei dem Wettstreit um einen „Diffusions-Marathon“, also darum, wessen Wirtschaft KI am schnellsten und breitesten in alle Bereiche integrieren könne, was das eigentliche Fundament künftiger Produktivität und Macht sei.
- Die „vielen verschiedenen China“ Die in Washington übliche Darstellung Chinas als einheitlicher, von oben gesteuerter Akteur sei zu einfach. Innerhalb des chinesischen Systems gebe es diverse Debatten, Akteure und auch Interessen an Sicherheitsleitplanken für KI – Perspektiven, die in der pauschalisierenden Rivalitäts-Rhetorik verloren gingen.
Einordnung
Das Panel leistet einen wertvollen Beitrag, indem es das in Washington oft reflexhaft verwendete Konzept der „Rivalität“ fachkundig seziert. Besonders stark ist der Hinweis auf die sich selbst verstärkende Wirkung dieser Rhetorik, die Verständigung und Kooperation schon im Keim erstickt. Das Denkmodell des „Diffusions-Marathons“ bietet eine konstruktive Alternative, die den Blick von einzelnen Technologie-Durchbrüchen hin zu breitenwirksamer wirtschaftlicher Anwendung lenkt. Die Aufforderung, die verschiedenen innerchinesischen Akteure wahrzunehmen, ist eine notwendige Korrektur, um die tatsächliche Komplexität jenseits von holzschnittartigen Feinbildern zu verstehen.
Die Diskussion verbleibt jedoch in einer Denkweise, die den grundlegenden Rahmen eines Wettstreits – so kritisch er auch hinterfragt wird – nicht grundsätzlich in Frage stellt, sondern lediglich seine Parameter neu justieren möchte. Die Zieldefinitionen „Produktivitätsführerschaft“ und „wirtschaftliche Vormachtstellung“ werden als universelles Ziel vorausgesetzt, ohne die Wünschbarkeit dieses permanenten globalen Wettlaufs an sich zu thematisieren. Die Perspektiven von Gesellschaften des Globalen Südens, die von diesem Ringen zweier Großmächte direkt betroffen sind, kommen ebenfalls nicht vor. Das prägnanteste Argument kommt von Samm Sacks, die den Interessenkern der Debatte pointiert benennt: „Rivalry serves specific actors and specific interests.“ („Rivalität dient bestimmten Akteuren und bestimmten Interessen.“)
Sprecher:innen
- Kat Duffy – Senior Fellow für Digital- und Cyberspace-Politik, Council on Foreign Relations (Moderation)
- Samm Sacks – Senior Fellow bei New America und an der Yale Law School, Expertin für chinesische Technologiepolitik
- Jeff Ding – Assistenzprofessor für Politikwissenschaft, George Washington University
- Mieke Eoyang – Gastprofessorin, Carnegie Mellon University; ehem. stellv. Verteidigungsministerin für Cyberpolitik
- Selina Xu – Leiterin für China- und KI-Politik, Office of Eric Schmidt