Tyler McBrien spricht mit Lawrence Douglas über dessen Buch „The Criminal State: War, Atrocity, and the Dream of International Justice" („Der Verbrechensstaat: Krieg, Gräueltaten und der Traum von internationaler Gerechtigkeit"). Im Mittelpunkt steht die These, dass das internationale Strafrecht durch seine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland sowohl geformt als auch verformt worden sei. Douglas argumentiert, dass das gängige Bild von Nürnberg als Holocaust-Prozess historisch falsch sei – tatsächlich habe das Tribunal vor allem den Angriffskrieg als das zentrale Verbrechen verstanden. Dieser Ansatz sei gescheitert und durch eine Konzentration auf Massenverbrechen wie Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgelöst worden.
Zentrale Punkte
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Nürnberg wollte Angriffskrieg bestrafen Der Fokus des Nürnberger Tribunals sei nicht der Holocaust gewesen, sondern der Angriffskrieg – dieser gelte im Urteil als das „oberste internationale Verbrechen", das alle anderen Gräuel einschließe.
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Eichmann-Prozess verschob den Blick Der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem habe den Völkermord bewusst als eigenständiges, nicht vom Krieg abgeleitetes Verbrechen behandelt und damit die Aufmerksamkeit auf Massenverbrechen als solche gelenkt.
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„Verbrechensstaat" als rechtliches Dilemma Der Begriff des kriminellen Staates, geprägt u. a. von Karl Jaspers und Hannah Arendt, beschreibe einen Staat, der seinen gesamten Apparat auf verbrecherische Zwecke ausrichte – und stelle das klassische Strafrecht vor das Problem, dass Gehorsam, nicht Abweichung, zum Verbrechen werde.
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Stärken und Grenzen von Gräuelprozessen Strafverfolgung nach Massenverbrechen wirke kaum abschreckend und treffe nur einen Bruchteil der Verantwortlichen; dennoch habe sie symbolischen Wert, gebe Überlebenden eine Stimme und schaffe eine historische Grundlage.
Einordnung
Das Gespräch liefert eine ungewöhnlich dichte historisch-rechtliche Analyse, die gängige Annahmen über Nürnberg produktiv in Frage stellt. Douglas argumentiert differenziert und benennt Widersprüche offen – etwa die Spannung zwischen dem symbolischen Wert von Prozessen und ihrer praktischen Wirkungslosigkeit als Abschreckung. McBrien führt das Gespräch mit erkennbarer Sachkenntnis und stellt präzise Nachfragen, die das Argument des Gastes schärfen, statt es nur zu bestätigen.
Auffällig ist, dass bestimmte Prämissen unhinterfragt im Raum stehen: Die Überlegenheit rechtsstaatlicher Verfahren als Antwort auf Massenverbrechen gilt als selbstverständlich, alternative Ansätze wie Wahrheitskommissionen werden nicht diskutiert. Douglas' vorsichtiger Optimismus stützt sich fast ausschließlich auf Beispiele aus dem europäischen Kontext (Jugoslawien-Tribunal), während aktuelle Verfahren – etwa zu Syrien oder Myanmar – unerwähnt bleiben. Sein Hinweis auf die „drei mächtigsten Staaten", die derzeit mit Straflosigkeit operierten, bleibt bewusst vage, was angesichts der Relevanz für gegenwärtige Konflikte etwas unbefriedigend wirkt.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum internationales Recht so ist, wie es ist – und warum es so oft an seine Grenzen stößt.
Sprecher:innen
- Tyler McBrien – Managing Editor, Lawfare; Moderator
- Lawrence Douglas – James J. Grosfeld Professor für Recht und Rechtsphilosophie, Amherst College; Buchautor