Einleitung
Diese Episode des Presseclubs kreist um die Frage, ob sich im Ukraine-Krieg eine militärische oder ökonomische „Wende“ abzeichne – und wie Europa darauf reagieren müsse. Moderator Jörg Schönenborn und seine vier Gäste diskutieren, ob die jüngsten ukrainischen Drohnenerfolge und Russlands wirtschaftliche Schwierigkeiten ein „Fenster der Gelegenheit“ öffneten. Grundannahme ist durchgehend, dass die Ukraine ein souveräner, von Russland brutal angegriffener Staat sei, dessen Verteidigung unterstützt werden müsse. Kontrovers wird nur die Frage verhandelt, ob diese Unterstützung mit parallelen Gesprächskanälen nach Moskau flankiert werden solle – und was ein solches Angebot beinhalten dürfe. Die wirtschaftliche Lage Russlands wird dabei als möglicher Hebel betrachtet, aber auch als schwer kalkulierbar, weil das Regime sich immer wieder als anpassungsfähig erwiesen habe.
Zentrale Punkte
- Neue ukrainische Stärke, bleibende Schwächen Die Ukraine habe durch den massiven Drohneneinsatz und Angriffe auf die Krim militärisch aufgeholt, heißt es. Dennoch mangele es weiter an Abwehr ballistischer Raketen und an Personal. Diese Vorteile seien nur eine Momentaufnahme und könnten sich im Winter wieder umkehren, wenn Russland erneut die zivile Infrastruktur ins Visier nehme.
- Putin denkt nicht in Kompromissen Mehrfach wird betont, dass Putin nicht in Kategorien eines Interessenausgleichs denke, sondern auf Unterwerfung setze. Seine Rhetorik von den „Schweinereien gegen Russland“ zeige, dass er Kritik an Kriegsverbrechen als Hass diffamiere. Nur wer die russische Sichtweise vollständig übernehme, käme als Gesprächspartner überhaupt in Betracht, so die Analyse.
- Europas Strategie bleibt inkohärent Die Runde konstatiert, dass die europäische Unterstützung zwar finanziell groß sei, aber keine gemeinsame strategische Linie erkennen lasse. Während der Kanzler und andere Spitzenpolitiker auf Abschreckung setzten, werde zugleich nicht geliefert, was versprochen worden sei – etwa der Marschflugkörper Taurus. Die zögerliche Haltung spiele Putin in die Hände.
- Das Regime sitzt nicht auf der Kippe Trotz aller Spannungen in der Elite und wachsender Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung zeige Russland keine Anzeichen eines unmittelbar bevorstehenden Umsturzes. Die Zivilgesellschaft ziehe sich zurück, aber Massenproteste blieben aus. Die Eliten wiederum rückten nicht ernsthaft von Putin ab, auch wenn erstmals über eine Neubewertung der Kriegsziele debattiert werde.
Einordnung
Diese Diskussion lebt von der verschiedenen Expertise der Gäste. Moritz Gathmann bringt militärischen Detailblick, Gesine Dornblüth fundierte Kenntnis russischer Diskurs- und Elitenlogik, Marina Kormbaki innenpolitische Perspektive und Paul Ronzheimer Front-Erfahrung sowie ein Gespür für politische Zeichen. Dadurch werden ökonomische, militärische und psychologische Dimensionen des Konflikts verknüpft – etwa wenn die Blockade von Flugverbindungen für russische Oligarchen mit der Frage verknüpft wird, wie man Eliten zum Umdenken bewegen könne. Auch die Rückbindung an die deutsche Innenpolitik, wo AfD und BSW die Skepsis an weiterer Hilfe bedienen, ist eine relevante Stärke der Sendung.
Auffällig an der Debattenstruktur ist, dass die militärische Logik des „Stärke zeigen müssens“ fast alternativlos bleibt. Moritz Gathmann plädiert für einen „Zuckerbrot-und-Peitsche“-Ansatz, wird aber mehrheitlich zurückgewiesen. Die Idee, dass ein Waffenstillstand auch ohne Vorbedingungen angestrebt werden könnte, um Menschenleben zu schützen, taucht nur in einem Hörer:innen-Anruf auf und wird am Tisch nicht ernsthaft ventiliert. „Verhandeln aus einer Position der Stärke heraus“ wird so zur unhinterfragten Prämisse. Überdies sprechen fünf westliche Journalist:innen über die Ukraine und Russland; ukrainische oder russische zivilgesellschaftliche Stimmen sind nicht vertreten. Wer die Sendung hört, erfährt viel über mögliche Bruchlinien in Putins Regime, aber fast nichts darüber, was die ukrainische Zivilgesellschaft jenseits des Durchhaltewillens an politischen Zielen formuliert.
Ein Zitat verdeutlicht, wie über Putin gesprochen wird: Er wolle nur mit jemandem reden, der „keine Schweinereien gegen Russland gesagt hat“, so Dornblüth. Damit gelingt ihr präzise zu zeigen, dass für den russischen Präsidenten das Benennen von Kriegsverbrechen bereits als Gesprächshindernis gilt.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum die westliche Unterstützung trotz temporärer ukrainischer Militärerfolge nicht in einen Befreiungsschlag mündet und welche politischen Fallstricke in Europa der Strategie im Weg stehen, ist diese Episode eine durchaus lohnende und argumentativ klare Diskussion.
Sprecher:innen
- Jörg Schönenborn – Moderator des Presseclubs
- Gesine Dornblüth – Freie Journalistin, ehemalige Moskau-Korrespondentin des Deutschlandradios
- Moritz Gathmann – Redakteur beim Stern, schreibt seit Jahren über Osteuropa
- Marina Kormbaki – Stellvertretende Leiterin des Hauptstadtstudios des SPIEGEL
- Paul Ronzheimer – Stellvertretender Chefredakteur der BILD, Kriegs- und Krisenreporter