Der Podcast "Hateland – Deep State" begibt sich auf Spurensuche rund um die sogenannte „Gruppe Reuß“, eine mutmaßlich rechtsterroristische Vereinigung, die einen bewaffneten Umsturz in Deutschland geplant haben soll. Im Zentrum steht Rüdiger von Pescatore, ehemaliger Bundeswehrkommandeur und mutmaßlicher militärischer Anführer der Gruppe. Reporter Martin Kaul begleitet die Geschichte von der Razzia im Dezember 2022 über die ersten Gerichtsverhandlungen bis hin zu den Hintergründen der Radikalisierung. Dabei setzt er auf investigative Recherche, persönliche Gespräche mit Betroffenen, Beteiligten und Experten sowie auf Tonaufnahmen und Dokumente, die bisher kaum öffentlich waren. Die erste Folge fokussiert sich auf die Frage, wie ein ehemaliger Elitesoldat zu einem Angeklagten in einem der größten Terrorprozesse Deutschlands werden konnte.
1. Razzia mit historischem Ausmaß
Am 7. Dezember 2022 stürmten etwa 3000 Polizist:innen über 130 Objekte in ganz Deutschland. Unter den Festgenommenen waren Rüdiger von Pescatore und weitere Personen aus dem Reichsbürgermilieu, die einen Umsturz geplant haben sollen. Laut Generalbundesanwalt sei die Gruppe dabei gewesen, „eine terroristische Vereinigung“ zu bilden.
2. Rüdiger von Pescatore – vom Kommandeur zum mutmaßlichen Terrorchef
Pescatore galt als charismatischer Offizier, doch es häufen sich Hinweise auf rechtsextreme Umtriebe. Bereits 2020 tauchte sein Name im Zusammenhang mit Waffenverschwundungen beim KSK auf. Im Gästezimmer, in dem er festgenommen wurde, fand man eine geladene Makarow-Pistole sowie eine Mappe mit dem Logo des KSK und einer Liste von 286 sogenannten „Heimatschutzkompanien“.
3. Abgehörte Kommunikation als Beweisgrundlage
Die Ermittler:innen werteten zahlreiche abgehörte Telefonate und Chatverläufe aus. In diesen sei etwa zu hören: „Wir machen sie jetzt platt. Das System machen wir jetzt platt. Jetzt ist Schluss mit lustig.“ Die Töne vermitteln eine Mischung aus militärischer Sprache und apokalyptischer Rhetorik.
4. Die Rolle des KSK und der Bundeswehr
Der Podcast wirft einen Blick auf wiederholte rechtsextreme Vorfälle beim Kommando Spezialkräfte (KSK). Ehemalige KSK-Soldaten berichten von einer Kultur des Wegschauens. 2020 wurde sogar eine ganze Kompanie aufgelöst. Die Bundeswehr habe ein strukturelles Problem mit rechtsextremen Umtrieben, das über Einzelfälle hinausgehe.
5. Vermischung von Esoterik und Extremismus
Die mutmaßlichen Verschwörer:innen verbanden Reichsbürger-Ideologie mit QAnon-ähnlichen Weltsichten. So glaubten sie etwa an satanische Kindesmissbrauchsnetzwerke oder an einen bevorstehenden „Tag X“, an dem der „Deep State“ gestürzt werde. Diese Mischung mache die Szene besonders unberechenbar.
Einordnung
Der Podcast nutzt ein klassisches true-crime-Framework, um ein politisches Thema greifbar zu machen: Aufbau mit cliffhangerartigen Szene-Inszenierungen, emotional aufgeladenen Originalaufnahmen und persönlicher Begleitung des Reporters mit Hund. Das ist journalistisch unterhaltsam, verzichtet aber auf tiefere politische Kontexte: Weder wird systematisch erklärt, warum das KSK immer wieder auffällt, noch welche Rolhlle politische Akteur:innen dabei spielen. Stattdessen wird einzelnen Figuren wie „Prinz Reuß“ oder von Pescatore eine fast mythische Bühne bereitet. Die Expertise beschränkt sich auf Ermittler:innen und Journalist:innen, während z.B. Rechtsextremismusforscher:innen oder Betroffene von rechter Gewalt kaum vorkommen. Die Gefahr: Die Täter:innen werden zur Spektakel-Attraktion, ohne dass die gesellschaftlichen Strukturen benannt werden, die solche Gruppen erst ermöglichen. Für Hörer:innen, die sich für extrem rechte Umtriebe in Sicherheitsbehörden informieren wollen, liefert die Folge brisantes Material – wer aber eine systematische Analyse erwartet, wird enttäuscht.
Hörwarnung: Spannend inszeniert, aber oberflächlich analysiert – liefert eindrucksvolle Einzelschicksale, fragt aber kaum nach den politischen Verantwortungen dafür, dass solche Netzwerke in Sicherheitsbehörden entstehen konnten.