Das Breitband-Team berichtet von der re:publica 2026 in Berlin. Moderator Martin Böttcher, Vera Linß und Hagen Terschüren diskutieren gemeinsam mit dem Arbeitssoziologen Martin Schifjinski ihre Eindrücke vom „Festival der digitalen Gesellschaft“. Im Zentrum stehen drei Themenkomplexe: Wie sich marginalisierte Gruppen gegen eine voreingenommene Plattformlogik durchsetzen können, welche Auswirkungen generative KI tatsächlich auf die Arbeitswelt hat und wie sich digitale Souveränität in Europa konkret umsetzen und sogar messen lässt. Die Vorwürfe, die re:publica sei eine ideologisch verfestigte Blase, werden innerhalb des Teams durchaus ambivalent diskutiert – man sehe darin sowohl die Grundlage für konstruktive Debatten als auch eine gewisse Etabliertheit, der die frühere Aufbruchsstimmung abhandengekommen sei. Implizit zieht sich durch die gesamte Sendung die Annahme, dass die digitale Welt, so wie sie von großen Tech-Konzernen gestaltet wird, ein grundsätzliches Problem darstellt, dem mit politischer Regulierung, gemeinschaftlichen Alternativen und cleveren Aneignungsstrategien begegnet werden müsse.

Zentrale Punkte

  • Algorithmen mit Strategie begegnen Um mit Themen wie Rassismus oder Armut im Netz Gehör zu finden, reiche Zufall nicht aus. Es brauche eine durchdachte Strategie, um die emotionalisierte und auf Aktualität setzende Logik der Plattformen zu bedienen. Gerade für marginalisierte Gruppen sei Vorarbeit essentiell: Netzwerke müssten aufgebaut und eine Sprache gesprochen werden, die auch ein bürgerliches Milieu verstehe, bevor überhaupt ein Vorfall geschehe, über den man berichten könne.
  • KI-Einsatz verändert Tätigkeiten, nicht die Beschäftigtenzahl Trotz großer Ängste und vollmundiger Ankündigungen aus den USA führe der Einsatz von generativer KI in deutschen Betrieben bislang kaum zu Entlassungen. Stattdessen zeige sich eine Veränderung der Tätigkeiten und eine steigende intellektuelle Belastung, etwa durch die Notwendigkeit, KI-Ergebnisse prüfen zu müssen. Sowohl Management als auch Beschäftigte hätten Interesse an der Einführung, unterschätzten aber oft den Aufwand und die lückenhaften Datengrundlagen im Betrieb.
  • Souveränität wird messbar und niedrigschwellig Die Stadt München habe gemeinsam mit der TU München fünf Kriterien – von Open Source über offene Schnittstellen bis zum Firmensitz – entwickelt, um digitale Souveränität in einem Score von 0 bis 5 messbar zu machen. Zudem setze man bei der Förderung alternativer Netzwerke auf konkreten Nutzen, etwa durch die hyperlokale Community-Plattform „Wiblio“ der Berliner Bibliotheken, die niedrigschwelliger wirken solle als Angebote wie Mastodon.
  • Regulierung muss an die Monopole selbst Der Aktivist Corey Doctorow habe in seiner Keynote den Digital Services Act als zwar wichtigen, aber letztlich unvollständigen Zwischenschritt kritisiert, weil er die Macht der Konzerne durch die aufgezwungene Selbstkontrolle sogar noch stärke. Notwendig sei das Aufbrechen der Monopolstellung, doch praktisch bleibe der Transfer von Nutzer:innendaten von US-amerikanischen auf europäische Plattformen ein ungelöstes Problem, da die Konzerne nicht kooperierten.

Einordnung

Die Episode leistet eine gelungene Übersetzung zentraler Debatten der Digitalkonferenz in drei pointierte, mit konkreten Beispielen unterfütterte Themenblöcke. Die Stärke des Formats liegt in der Einbettung von O-Tönen der Vortragenden, die die Argumente direkt erfahrbar machen und nicht nur referieren. Besonders die Diskussion um die Arbeit von Aktivist:innen, die Plattformlogik für gesellschaftlich relevante Anliegen zu „hacken“, wird nuanciert dargestellt, ohne die Ambivalenz dieser Strategie – etwa die beförderte Emotionalisierung – auszublenden. Martin Schifjinski bringt zudem eine empirisch fundierte Perspektive ein, die dem oft aufgeregten Diskurs um KI-Jobverluste eine differenzierte, an betrieblicher Realität orientierte Einschätzung entgegensetzt. Die drei Themen werden von der konkreten Handlungsanleitung bis zur politischen Systemkritik klug aufeinander aufbauend präsentiert.

Die Diskussion verbleibt allerdings durchgehend in einem progressiven, regulierungskritischen Konsens, der die re:publica als Ort der eigenen Überzeugungen zwar selbst reflektiert, aber nicht aktiv verlässt. Die eingangs zitierte Kritik an der Konferenz wird benannt, aber eher abgetan als zur eigenen Praxis erklärend umarmt – man genieße die konstruktive Atmosphäre einer „Blase“. Die dahinterstehende Frage, ob ein solcher Raum nicht auch diskursive Schließung bedeutet, wird angerissen, aber nicht vertieft, da Martin Schifjinskis Hinweis auf vorhandene Meinungsvielfalt innerhalb progressiver Grenzen unwidersprochen bleibt. Interessant ist die Aussage von Helena Steinhaus: „Was uns natürlich hilft, ist, dass wir dadurch, dass wir mittlerweile unsere eigenen Plattformen geschaffen haben, auch selbst entscheiden können, was wir platzieren, was ja viel selektiver sein würde, wenn es immer nur in den klassischen Medien wäre.“ Das Zitat verdeutlicht prägnant die zentrale Verschiebung von Gatekeeping-Macht, der sich die Episode insgesamt verpflichtet fühlt.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die einen fundierten Überblick über aktuelle digitale Entwicklungstrends jenseits von Hype-Nachrichten suchen und konkrete Beispiele für politische wie praktische Gestaltungsmöglichkeiten schätzen.