In seiner aktuellen Kolumne nimmt Christian Bartels die wachsende Ernüchterung gegenüber der sogenannten Künstlichen Intelligenz in den Blick. Er beginnt mit einem Rückblick auf die einstige Interneteuphorie, die inzwischen verflogen sei: „Smartphones sind die neuen Zigaretten“, zitiert er die „taz“. Auch der ehemalige ARD-Vorsitzende Kai Gniffke räumt in einem Interview mit newsroom.de ein, dass die Illusion eines offeneren, liberaleren Internets zerplatzt sei. Heute entscheide eine Handvoll Konzerne darüber, was Menschen in Deutschland sehen und lesen.
Vor diesem Hintergrund zeichnet Bartels ein ambivalentes Bild der KI. Er verweist auf Markus Beckedahl, der vor Companion-KI-Chatbots warnt, die zunehmend als Freund, Therapeut oder romantischer Partner aufträten und durch „simulierte Nähe“ und „suchterzeugende Interaktionsmuster“ problematisch seien. Zugleich zitiert er den Chef des Übersetzungsdienstes DeepL, der einen „massiven Strukturwandel“ durch KI konstatiert – verbunden mit dem Abbau von rund 250 Stellen, einem Viertel der Belegschaft.
Besonders eindrücklich ist die Rechnung des Verlags Nürnberger Presse: Wo früher bis zu 43 Mitarbeitende das Printprogramm erstellten, sollen es künftig vier Blattmacher:innen richten. Der socialmediawatchblog sieht das Mediengeschäft der KI-Ära als „Scherenbewegung“: Auf der einen Seite algorithmische Feeds, in denen nur noch Performanz zählt, auf der anderen bewusst gewählte Angebote mit erkennbaren Personen dahinter. „Aufmerksamkeit und Vertrauen sind unterschiedliche Geschäftsmodelle mit unterschiedlichen Logiken. Wer beides will, verliert alles“, fasst der Blog pointiert zusammen.
Als weiterer Faktor kommt KI als Werbeträger hinzu. OpenAI spielt seit Februar Werbung in ChatGPT aus und peilt astronomische Umsatzziele an – von 2,5 Milliarden Dollar 2026 auf 53 Milliarden 2029. Dies werde den Wettbewerb um Werbebudgets weiter verschärfen und klassische Medien unter Druck setzen.
Bartels richtet den Blick auch auf die geopolitische Dimension. US-Konzerne dominieren den KI-Markt, unterstützt von der Politik. Dass die „FAZ“ Trumps KI-Agenda mit der „Genesis Mission“ positive Ansätze abgewinnt, kommentiert er spöttisch. Kritisch erwähnt er, dass selbst medienkritische Blogs fast nur US-Angebote wie ChatGPT, Claude und Gemini nennen und die französische KI Mistral kaum vorkommt. Eine „Big Tech Lobbylandkarte“ visualisiert die Verflechtungen zwischen Politik und Konzernen.
Der EU-Gipfel zu „Künstlicher Intelligenz und Kindern“ zeigt laut Bartels die gewohnten Ankündigungen – etwa gegen süchtig machende Designpraktiken –, aber auch die Ohnmacht der Regulierung. Solange nur europäische Firmen die komplexen Regeln befolgten, würden diese weiter zurückgeworfen.
Am Ende steht erneut Gniffke, der für mehr „Technikfröhlichkeit“ plädiert und beklagt, Journalist:innen erzählten zu gern „David gegen Goliath“-Geschichten. Bartels merkt an, es sei schade, dass Gniffke solche Akzente nicht schon als ARD-Vorsitzender gesetzt habe.
Einordnung
Bartels' Kolumne ist ein klassischer Vertreter der technikkritischen Medienbeobachtung, die das „Altpapier“ seit Jahrzehnten pflegt. Der Autor versammelt eine Fülle aktueller Meldungen und ordnet sie in den größeren Rahmen einer post-euphorischen Technikdebatte ein. Seine Grundskepsis – das „sogenannt“ vor KI ist mehr als ein stilistischer Tick – wird durchaus belegt, bleibt aber einer binären Logik verhaftet: Auf naive Euphorie folgt ebenso pauschale Kritik, ohne dass die Zwischentöne – wo KI tatsächlich nützlich ist – wirklich ausgeleuchtet würden. Die Perspektiven der Nutzer:innen, die KI produktiv einsetzen, oder der Entwickler:innen kleiner, nicht-kommerzieller KI-Projekte fehlen völlig.
Deutlich wird ein Argumentationsmuster, das Konzerne und Politik als monolithische Machtblöcke zeichnet. Zwar ist die Analyse der US-Dominanz treffend, doch die Vorstellung, dass EU-Regulierung nur europäische Anbieter behindere, während die Großen ungeschoren davonkämen, ist vereinfacht – der AI Act setzt durchaus Maßstäbe, an denen sich auch außereuropäische Konzerne reiben. Die Auslassung von Stimmen aus der Zivilgesellschaft oder von Wissenschaftler:innen, die KI differenzierter bewerten, schwächt die argumentative Tiefe.
Lesenswert ist der Text für alle, die einen schnellen, gut belegten Überblick über den aktuellen KI-Diskurs in den Medien suchen. Wer eine ausgewogene Pro-Contra-Debatte erwartet, wird jedoch eher eine tendenziell technikskeptische Bestätigung finden.