In dieser fast zweistündigen Episode des "Was Tun?"-Podcasts sprechen Inken und Valentin mit Tadzio Müller über die Kollapsbewegung und das erste Kollapscamp in Brandenburg. Müller, langjähriger Klimaaktivist und Mitorganisator des Camps, entwickelt die These, dass die Gesellschaft die Klimakrise massiv verdränge. Er argumentiert, dass mehr Klimakatastrophen nicht zu mehr Klimaschutz führen, sondern zu mehr Ablehnung. Der Begriff "Kollaps" diene dazu, diese Realität emotional zu verarbeiten und neue Handlungsräume zu eröffnen. Die Kollapsbewegung fokussiert sich auf solidarische Krisenvorbereitung, wobei Beziehungen wichtiger seien als Vorräte. Die Moderator:innen kritisieren im Nachgespräch Müllers pauschale Gesellschaftsanalyse und seine Tendenz, andere Positionen als "Verdrängung" abzutun.
Die Gesellschaft als missbräuchlicher Partner
Müller beschreibt die deutsche Gesellschaft als "abusive Boyfriend", der Klimaschutzversprechen bricht und Klimaaktivist:innen gaslightet. Diese Metapher dominiert seine Argumentation.
Verdrängung als zentrales Konzept
Er sieht die Gesellschaft als "Verdrängungsgesellschaft", die sich der Klimakrise nicht stellen wolle. Diese Analyse basiert auf psychoanalytischen Konzepten, die er auf gesellschaftliche Prozesse überträgt.
Klimakatastrophe führt zu Ablehnung
Müller behauptet: "Mehr Klimakatastrophe führt zu mehr Ablehnung" - eine These, die er mit Wahlergebnissen nach Extremwetterereignissen belegen will.
Kollaps als strategischer Raum
Katastrophen würden neue politische Handlungsfelder eröffnen, da der Ausnahmezustand zur neuen Normalität werde. Die Linke müsse lernen, in der Katastrophe Politik zu machen.
Solidarisches Preppen statt Klimaschutz
Statt auf Klimaschutz setzt die Bewegung auf "solidarisches Preppen" - gemeinsame Vorbereitung auf Krisen durch Vernetzung und praktische Fähigkeiten.
Grenzutopie statt klassischer Utopie
Müller entwickelt das Konzept der "Grenzutopie": Handlungsfähigkeit und Solidarität seien auch in katastrophalen Zeiten möglich und wertvoll.
Einordnung
Der Podcast zeigt eine interessante Diskurspolitik, die emotionale Resonanz erzeugt, aber methodische Schwächen aufweist. Müllers Rede von "Verdrängung" als Erklärungsmuster für alle abweichenden Positionen ist problematisch - es entzieht anderen Positionen die Legitimität und verhindert echte Auseinandersetzung. Die Moderator:innen reflektieren dies kritisch im Nachgespräch und heben die Gefahr einer neuen Deutungshoheit hervor. Besonders bemerkenswert ist die Selbstreflexion der Moderator:innen, die eigene Zweifel an der linearen Katastrophenerzählung äußern. Die Folge bietet wertvolle Einblicke in eine neue Bewegung, bleibt aber in der Analyse oberflächlich - weder werden die konkreten Praktiken des Camps detailliert noch die gesellschaftliche Reichweite der Bewegung eingeschätzt. Die Kritik an bestehenden Klimaschutzstrategien erfolgt pauschal ohne differenzierte Auseinandersetzung mit Alternativen.
Hörwarnung: Wer fundierte Klimapolitik-Diskussionen sucht, wird hier enttäuscht - die Episode bietet eher emotionale Aufarbeitung als strategische Analyse.