Was treibt einen der reichsten Männer der Welt dazu, sich fast eine Stunde lang im Fernsehen über Steuern zu äußern – und dabei fast jede Zahl falsch wiederzugeben? Paul Krugman nimmt ein aktuelles CNBC-Interview mit Jeff Bezos auseinander und diagnostiziert „Billionaire Brain“: jene Mischung aus Ignoranz und Arroganz, die erfolgreiche Vermögende oft glauben lässt, sie müssten sich nicht vorbereiten.
Sachlich benennt Bezos zwei Hauptbehauptungen: Die USA hätten das progressivste Steuersystem der Welt und das oberste Prozent zahle 40 Prozent aller Steuern, die untere Hälfte nur drei Prozent. Krugman zeigt, dass dies allenfalls für die Bundeseinkommensteuer gilt. Rund 80 Prozent der Amerikaner:innen zahlen mehr an Lohnnebenabgaben als an Einkommensteuer, und durch lokale sowie indirekte Steuern sei die Gesamtbelastung nur minimal progressiv – ein Fakt, den das Institute for Taxation and Economic Policy für 2019 belegte und der sich unter Trumps Zöllen und Steuersenkungen für Reiche weiter verschlechtert habe.
Bezos’ Hinweis, er zahle „Milliarden an Steuern“, kontert Krugman mit ProPublica-Recherchen: Zwischen 2014 und 2018 lag die Steuerquote von Bezos bei unter einem Prozent seines wahren Einkommens. Auch Amazons effektive Unternehmenssteuern seien gemessen am Gewinn lächerlich niedrig.
Die eigentliche Frage sei jedoch, warum Bezos das Interview überhaupt gab. Krugman sieht eine breite politische Gegenreaktion gegen Tech-Oligarchen, die nach Trumps schwindender Popularität ihre Strategie überdenken. Der Versuch, sich mit dem Ex-Präsidenten zu verbünden, um Steuern und Regulierung abzuwehren, wirke zunehmend riskant. Bezos’ unbeholfener Auftritt sei ein Symptom dafür, dass die Milliardärsklasse zwar um ihr Image kämpft, aber nicht einmal elementare Fakten recherchiert. Krugman schließt sarkastisch: Für den Schutz seiner Milliarden war ihm der Fernsehauftritt offenbar wichtig genug, für gründliche Vorbereitung jedoch nicht.
Einordnung
Krugmans Text ist ein typischer meinungsstarker Kommentar aus progressiver Perspektive. Ausgeblendet wird die Möglichkeit, dass eine rein auf Einkommensteuer fokussierte Betrachtung in der politischen Debatte durchaus üblich ist – auch wenn sie unvollständig ist. Sein Framing als Kampf gegen „Zombie-Ideen“ und das gezielte Ad-hominem-Argument „Billionaire Brain“ machen die Analyse zwar unterhaltsam, verstärken aber ein binäres Gut-Böse-Narrativ: hier die ignoranten Superreichen, dort die aufgeklärte Öffentlichkeit. Die strukturellen Interessen von Amazon und Co. bilden den Kern, doch die rhetorische Zuspitzung dient auch der Mobilisierung eigener Leser:innen.
Lesenswert ist der Newsletter für alle, die Steuerdebatten kritisch verfolgen und verstehen wollen, mit welchen Mythen Vermögende ihre Privilegien verteidigen. Wer eine nüchterne, mehrperspektivische Einordnung sucht, wird jedoch vor allem Polemik finden.