Die Episode "Wie Länder von US-Techfirmen abhängig gemacht werden" (Original: "How Countries Are Being Harmed by Their Dependence on US Tech Companies") ist ein Gespräch zwischen Paris Marx und der Wirtschaftsprofessorin Cecilia Rikap über digitale Souveränität. Rikap kritisiert, dass Regierungen wie die britische unter Kier Starmer ihre Wettbewerbsbehörden entmachten und sich in fünfjährige Abhängigkeitsverträge mit Microsoft und OpenAI stürzen. Sie beschreibt ein "twin extractivism": einerseits würden Daten und Wissen von US-Konzernen angeeignet, andererseits würden Länder des globalen Südens zu Rohstofflieferanten für fossile Energie und Wasser für Rechenzentren degradiert. Die US-Regierung – ob unter Biden oder Trump – nutze dabei die Angst vor China, um jede Regulierung von Big Tech zu verhindern. Rikap plädiert für öffentliche Infrastruktur, demokratische Technologieentscheidungen und globale Kooperation statt techno-nationalistischer Abschottung.

1. UK als abschreckendes Beispiel

Die britische Labour-Regierung unter Kier Starmer entlasse 100 Mitarbeiter:innen der Wettbewerbsbehörde CMA und setze einen ehemaligen Amazon-Chef als neuen Vorsitzenden. "Really just making things worse and worse", so Rikap, denn kurz darauf unterschrieb Starmer ein Fünfjahresabkommen mit Microsoft, das das Land "forever and ever trapped within Microsoft" mache.

2. "Twin extractivism" als globales Problem

Rikap beschreibt zwei parallele Ausbeutungsmechanismen: Erstens würden US-Techkonzerne Daten und öffentlich finanziertes Wissen aus Universitäten aneignen. Zweitens würden Länder des globalen Südens gezwungen, "nature extractivism" zu betreiben – also Wasser und Energie für Rechenzentren bereitzustellen, obwohl diese kaum Arbeitsplätze schaffen und zu 80 % importierte Komponenten nutzen.

3. US-Regierungen als Big-Tech-Partner

Sowohl Biden als auch Trump hätten sich vollständig hinter die Tech-Konzerne gestellt. Die Biden-Administration habe eine KI-Regulierung erlassen, die "basically diverts the conversation towards something that doesn't affect like large tech companies". Trump habe diese Politik nur konsequenter fortgesetzt und die FTC-Untersuchungen gegen Big Tech rückgängig gemacht.

4. KI als kollektives Gut

Generative KI sei das einzige Produktionsmittel, das durch Nutzung anstatt sich abzunutzen besser werde. "We are producing what should be digital commons and end up being captured by a few companies", kritisiert Rikap. Jede Interaktion mit ChatGPT oder ähnlichen Systemen verschaffe den Konzernen kostenloses Training.

5. Europas halbgare Souveränitätspläne

Die EU setze zwar auf öffentliche Rechenzentren, verkenne aber, dass "the only supermarket for digital technologies today is the cloud. And the cloud is controlled by Amazon, Microsoft and Google". Ohne eine öffentliche Alternative zum kommerziellen Cloud-Marktplatz bleibe digitale Souveränität Illusion.

6. Globale Kooperation statt Techno-Nationalismus

Rikap fordert eine progressive Version digitaler Souveränität: "Non-aligned countries should work together" statt wie China die eigenen Grenzen zu schließen. Ziel sei nicht, neue nationale Tech-Giganten zu schaffen, sondern demokratisch zu entscheiden, welche Technologien für wen produziert werden.

Einordnung

Die Episode demonstriert bemerkenswert, wie ein akademisch fundierter Podcast komplexe Abhängigkeitsverhältnisse verständlich macht. Marx und Rikap vermeiden dabei die Gefahr des Techno-Pessimismus, indem sie konkrete Alternativen skizzieren. Besonders bemerkenswert ist die klare Analyse, wie liberale und konservative US-Regierungen gleichermaßen Big-Tech-Interessen bedienen – ein Aspekt, der in deutschen Debatten oft untergeht. Die Diskussion bleibt dabei stets auf der Metaebene: Es geht nicht darum, ob KI grundsätzlich gut oder böse ist, sondern darum, wie Machtverhältnisse reproduziert werden. Die fehlende Perspektive sind die betroffenen Arbeiter:innen in den Rechenzentren, die nur als statistische Verlierer:innen auftauchen. Dennoch gelingt es dem Format, ohne erhobenen Zeigefinger eine differenzierte Kritik an der neoliberalen Tech-Politik zu liefern.

Hörempfehlung: Wer verstehen will, warum europäische Digitalpolitik scheitert und welche Alternativen es gibt, sollte diese klare, faktenreiche Analyse nicht verpassen.