Deutschland investiere jährlich 137 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung und sei bei Publikationen und Patenten weltweit an der Spitze, dennoch bleibe die Wirtschaftskraft hinter diesen Möglichkeiten zurück. Dieses „Innovationsparadox" sei das Thema einer neuen Studie des Think Tanks Dezernat Zukunft, über die Research.Table-Redakteur Markus Weißkopf mit dem langjährigen Manager Stefan Groß-Selbeck spricht. Im Gespräch wird deutlich, dass die strukturelle Schieflage nicht nur in der Wissenschaft selbst, sondern vor allem in der öffentlichen Förderpolitik verankert sei – mit einer Schlagseite zugunsten etablierter Großunternehmen und inkrementeller Verbesserungen. Die grundlegende Annahme, dass mehr Forschungsförderung quasi automatisch zu mehr Innovation führe, wird dabei als Trugschluss entlarvt.

Zentrale Punkte

  • Fokus auf Grundlagenforschung In Deutschland bestehe ein Reputationsgefälle zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung, wodurch Akademiker:innen kaum Anreize hätten, Zeit in anwendungsnahe Projekte zu investieren. Der Wissenschaftsrat selbst habe diese strukturelle Unwucht 2020 als Karrierehindernis für Transferleistungen beschrieben.
  • Hang zum Inkrementalismus Die deutsche Wirtschaft konzentriere sich auf inkrementelle Verbesserungen statt auf Sprunginnovationen. Da 80 Prozent des innovationsgetriebenen Wachstums aus radikal neuen Technologien entstünden, erkläre dieser Fokus auf Bestandsoptimierung einen Teil der Wachstumsschwäche – ein Ansatz, den Groß-Selbeck als strukturelles Problem einordnet.
  • Förderkonzentration auf Etablierte Zwei Drittel der Bundesfördermittel gingen an große Unternehmen, die älter als 20 Jahre seien, während junge Unternehmen nur zehn Prozent erhielten. Es habe sich fast eine „Stammkunden"-Struktur entwickelt, bei der frühere Fördernehmer:innen immer wieder bevorzugt würden – was Sprunginnovationen systematisch benachteilige.

Einordnung

Die Episode bietet einen präzisen Einblick in die Mechanismen des deutschen Innovationssystems und lebt von der Expertise Groß-Selbecks, der seine Analyse mit konkreten Beispielen aus der Förderpraxis und politischen Institutionen unterfüttert. Die Diskussion des TRL-Modells (Technology Readiness Level) und die Erwähnung des „Tals des Todes" zwischen Forschung und Marktzugang geben eine nachvollziehbare Struktur für ein komplexes Problem. Besonders aufschlussreich ist die Beobachtung, dass die Bundesregierung mit der Hightech-Agenda von Dorothee Bär durchaus strategische Schwerpunkte setze – etwa mit dem Förderprogramm Fusion 2040 –, was als Bruch mit früheren, unverbindlichen Strategiepapieren gewertet wird.

Die Studie und das Gespräch stützen sich stark auf US-amerikanische Vergleiche und Beispiele aus dem Silicon Valley, ohne zu problematisieren, dass die dortigen Wirtschafts- und Kapitalstrukturen sich grundlegend vom deutschen Modell unterscheiden. Die unhinterfragte Setzung, dass Sprunginnovationen vor allem von privaten Tech-Konzernen kommen müssten, verengt den Blick auf ein spezifisches Marktmodell. Alternative Transferwege – etwa über öffentliche Forschungseinrichtungen, Genossenschaften oder europäische Kooperationsformate – werden nicht diskutiert. Auch bleibt die Frage offen, ob die vorgeschlagene Förderquote für Start-ups nicht neue Abhängigkeiten schafft, statt die strukturellen Hürden für junge Unternehmen wie langsame Antragsverfahren und komplizierte Nachweispflichten grundlegend zu reformieren.

„Wir haben die Ideen, aber andere verdienen damit das Geld." – Stefan Groß-Selbeck zur zentralen Problembeschreibung des Innovationsparadoxons

Sprecher:innen

  • Stefan Groß-Selbeck – Ex-Chef BCG Digital Ventures, ehemaliger Vorsitzender der DATI-Gründungskommission
  • Markus Weißkopf – Redakteur bei Research.Table