An diesem 1. August 2026 bitten Markus Somm und Dominik Feusi zum „State of the Union“ – eine selbstbewusste Anlehnung an die US-amerikanische Präsidentenrede, die umgehend mit dem Hinweis versehen wird, die Schweizerische Eidgenossenschaft sei ohnehin viel älter und daher legitimer. Die gut einstündige Bestandsaufnahme kreist um den Bundesrat, die Armee, die Zuwanderung und das fehlende bürgerliche Selbstbewusstsein. Gesprochen wird aus einer Perspektive, die wirtschaftliche Freiheit, militärische Eigenständigkeit und eine klare Abgrenzung zur politischen Linken und zur EU als unhinterfragbare Grundwerte setzt. Dass die Schweiz sich in einer existenziellen Konkurrenz zu Asien und Amerika befinde und der Sozialstaat eine Fehlkonstruktion sei, die Menschen in die „Hängematte“ locke, wird dabei als selbstverständlich vorausgesetzt – alternative Lesarten der Schweizer Realität werden nicht nur abgelehnt, sondern als jugendliche Trotzhaltung diskreditiert.
Zentrale Punkte
- Bundesrat: Führungslos und zerstritten Der Bundesrat sei kein Team, sondern ein „Gemisch von Einzelmasken“ und „nicht geint für die Interessen von dem Land“, so die Sprecher. Das einst starke bürgerliche Führungsduo Keller-Sutter und Rösti habe an Durchschlagskraft verloren, was dazu führe, dass der Bundesrat gegen die eigene Überzeugung linke Politik wie die Konzernverantwortungsinitiative mittrage oder mit irreführenden Kampagnen seine Glaubwürdigkeit beschädige.
- Armee-Kommunikation: Ein finanzielles Dilemma Martin Pfister rede die Armee permanent schlecht, während er gleichzeitig mehr Geld für sie fordere – das sei eine kommunikative Sackgasse. Nur wer die Bevölkerung auch an das erinnere, worauf sie stolz sein könne, werde eine Mehrheit für zusätzliche Mittel, etwa über die Mehrwertsteuer, gewinnen. Sicherheitspolitisch müsse die Schweiz zudem ehrlicher kommunizieren, dass die EU wenig biete und andere Partner nötig seien.
- Bürgerliche Sprachlosigkeit und linkes Narrativ Die bürgerliche Elite habe sich seit 1989 nie von ihrem Schock erholt und kein positives Gegenbild zum linken Narrativ entwickelt, das die Schweiz als „Fiesland“ darstelle. Die politische Linke habe das Land nie geliebt, wolle es wie einen Zuckerwürfel in der EU auflösen. Die jüngere Generation sei jedoch zuwanderungskritischer, was als hoffnungsvolles Zeichen gegen die Trägheit gewertet wird.
Einordnung
Die Sendung liefert ein ungefiltertes Schlaglicht auf die Befindlichkeiten des rechtsbürgerlichen Spektrums im Jahr 2026 – und genau darin liegt ihr dokumentarischer Wert. Somm und Feusi benennen konkrete politische Baustellen und Legitimationsprobleme innerhalb der Regierung, etwa wenn sie die Glaubwürdigkeitsschäden durch fragwürdige Abstimmungskampagnen thematisieren oder auf die defizitäre Dossierkenntnis des Bundesrats hinweisen. Ihre Forderung, Sicherheitspolitik und Standortattraktivität ehrlicher zu diskutieren, ist in sich konsistent und spricht reale kommunikative Probleme an.
Allerdings bleibt die Analyse durchweg im eigenen weltanschaulichen Gehege gefangen. Dass der Bundesrat nicht im Interesse des Landes handle, wird behauptet, aber nicht durch eine Betrachtung widerstreitender Interessen im Land abgestützt. Grundlegende gesellschaftliche Auseinandersetzungen – etwa über die Rolle des Sozialstaats oder der Personenfreizügigkeit – werden nicht diskutiert, sondern allein nach einem ökonomischen Nützlichkeitskalkül bewertet. Die umfassende Gleichsetzung der Linken mit einer pauschalen Ablehnung der Schweiz ist nicht nur polemisch, sondern verhindert eine Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Argumenten des politischen Gegners. Zitate, die diese pauschalisierende Haltung illustrieren, sucht man nicht; vielmehr genügt der Duktus: „[…] sie finden es blöd. Sie finden das blöde Land, deshalb wollen sie die EU, sie wollen es auflösen wie einen Zuckerwürfel.“ Die Episode ist also vor allem für Hörer:innen aufschlussreich, die verstehen wollen, wie das rechte Meinungsspektrum denkt – und dass es dabei kaum eine gegensätzliche Stimme einholt.
Sprecher:innen
- Markus Somm – Verleger und Chefredaktor des Nebelspalters, Historiker und Publizist.
- Dominik Feusi – Co-Chefredaktor des Nebelspalters, ehemaliger NZZ- und „Bund“-Redaktor.