Ernst Blochs 1935 im Exil erschienenes Buch „Erbschaft dieser Zeit“ steht im Zentrum dieser Episode. Alex Demirović stellt das Werk vor, das den Aufstieg des Nationalsozialismus nicht allein aus ökonomischen Krisen erklärt, sondern aus dem, was Bloch „Ungleichzeitigkeit“ nennt: Menschen lebten zwar zeitlich in derselben Gegenwart, hätten jedoch ganz unterschiedlichen Zugang zu Fortschrittsprozessen – bedingt durch feudale Überreste, regionale Ungleichheiten und tiefsitzende kulturelle Muster. Die kapitalistische Moderne produziere demnach selbst Brüche und Widersprüche, die reaktionär aufgeladen werden könnten, wenn die Linke sie nicht aufgreife.
Demirović zeichnet Bloch als marxistischen Außenseiter, der die Gefahr des Nationalsozialismus früh ernst nahm und die Linke scharf kritisierte: Sie sei zu nüchtern, zu fantasielos, spreche nur von Verarmung und Kapitalakkumulation, während die Nationalsozialisten genau jene utopischen Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Erlösung und Führung bedienten, die tief im kulturellen Archiv der Bevölkerung eingelagert seien. Die Art, wie hier politische Mobilisierung gedacht wird, setzt voraus, dass kulturelle und emotionale Resonanzräume mindestens so wirkmächtig sind wie materielle Interessen – eine Annahme, die im traditionellen Marxismus dieser Zeit keineswegs selbstverständlich war.
Zentrale Punkte
- Ungleichzeitigkeit als Erklärungsmuster Die Gesellschaft sei nicht von einem einzigen Grundwiderspruch geprägt, sondern von mehrschichtigen, ungleichzeitigen Widersprüchen. Bloch unterscheide zwischen dem gleichzeitigen Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital und ungleichzeitigen Widersprüchen, die aus feudalen Resten, regionalen Disparitäten und archaischen Mentalitäten bestünden und die Menschen „verwildern“ ließen.
- Kritik an der Fantasielosigkeit der Linken Die Linke, so Bloch, begehe einen strategischen Fehler, indem sie allein auf rationale Argumente und ökonomische Analysen setze. Sie aktiviere nicht die utopischen Hoffnungen, Mythen und den Wunsch nach Gemeinschaft, die im kulturellen Gedächtnis der Menschen gespeichert seien – und überlasse diese emotionalen Räume damit den Nationalsozialisten.
- Diebstahl an der „Kommune“ Ein Kernvorwurf Blochs sei, dass das Bürgertum und die Nationalsozialisten sich gezielt linker kultureller Bestände bemächtigten: der roten Fahne, der Gesänge, christlicher Erlösungsmotive oder der Idee eines „Dritten Reiches“. Die Linke müsse diese „Erbschaft“ des Aufruhrs und der Befreiungstraditionen wieder für sich beanspruchen, statt sie kampflos preiszugeben.
Einordnung
Die Episode bietet eine konzise und gut nachvollziehbare Einführung in Blochs komplexes Theoriegebäude. Demirović gelingt es, die zentralen Konzepte – Ungleichzeitigkeit, mehrschichtige Dialektik, das utopische Bedürfnis – verständlich darzulegen und biographisch einzuordnen. Die Stärke liegt in der Art, wie die kulturelle Dimension politischer Mobilisierung herausgearbeitet wird, die über rein ökonomische Erklärungen hinausgeht.
Allerdings wird Blochs eigenes widersprüchliches politisches Verhalten in der DDR und sein jahrelanges Werben für Stalin nur kurz erwähnt, ohne dass daraus systematische Fragen an seine Theorie abgeleitet würden. Die Perspektive von Menschen, die vom Nationalsozialismus verfolgt wurden, findet keinen Eingang in die Darstellung von Blochs Überlegungen dazu, wie man mit deren Hoffnungen und Mythen politisch umgehen sollte. Auch die Frage, ob Blochs kulturdiagnostischer Ansatz heute für eine Linke, die mit Rechtspopulismus konfrontiert ist, genauso anwendbar wäre, bleibt unerörtert.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, warum rechte Bewegungen mit kulturellen und emotionalen Angeboten erfolgreich sein können, bietet die Episode eine fundierte und zugängliche Einführung in Blochs ungewöhnliche Faschismusanalyse.
Sprecher:innen
- Alex Demirović – Politikwissenschaftler, Vertreter der kritischen Theorie
- Jan Rehmann – Sozialwissenschaftler und Philosoph (angekündigt, aber in diesem Transkript-Ausschnitt nicht sprechend)