In einem weiten Bogen spannt die Figurentheatermacherin Anja Herbener ihre Erlebnisse von der Gründung ihres Theaters in den 1990ern bis in die Gegenwart. Sie erzählt nicht nur die Geschichte ihres Hauses, sondern beschreibt daran, wie sich das gesellschaftliche Klima in Quedlinburg verändert habe: von einer offenen Neugierde nach der Wende hin zu einem Zustand, den sie als tiefe Zersplitterung in nicht mehr kommunizierende Lager wahrnehme. Als selbstverständlich wird dabei die Figur der Künstlerin gesetzt, die mit prekären Mitteln nicht nur Kunst produziert, sondern versucht, durch Theater einen Raum für Begegnung zu schaffen – ein Ansatz, der sich an der gesellschaftlichen Fragmentierung und ökonomischen Notwendigkeiten stets aufs Neue reiben müsse.
Zentrale Punkte
- Vom Aufbruch zur Eventisierung Herbener beschreibt, wie aus der anfänglichen Entdeckerfreude für ungewöhnliche Spielorte eine Stadt geworden sei, die sich auf kommerzielle Events verlasse. Die eigene Kulisse der Altstadt werde durch Bühnen überbaut, während der Bürgermeister finde, es gebe „mehr als genug Kultur“. Neuen Initiativen werde mit dem Argument fehlender städtischer Mittel begegnet.
- Corona als Türöffner und Verstärker Durch die Pandemie sei ihr Theater gezwungen gewesen, in den öffentlichen Raum zu gehen – etwa mit einer von Passant:innen stark beachteten Insekten-Promenade. Dies habe neue Publikumsschichten erreicht. Gleichzeitig habe Corona die bestehenden gesellschaftlichen „Blasen“ verfestigt, sodass Menschen aus verschiedenen Lagern nicht mehr miteinander sprächen, obwohl sie sich kennten.
- Theater gegen die Sprachlosigkeit Ein Projekt mit geflüchteten Kindern, die zuvor unsichtbar in einem Asylheim gelebt hätten, wird zum Modell einer nicht-sprachlichen Verständigung. Herbener plädiert für künstlerische Aktionen, die niedrigschwellig Begegnung ermöglichten, um der Angst und dem Gefühl, es werde einem etwas weggenommen, etwas Gemeinsames entgegenzusetzen.
Einordnung
Die Stärke dieser sehr persönlichen Erzählung liegt in ihrer dichten, anschaulichen Beschreibung von drei Jahrzehnten ostdeutscher Transformationsgeschichte aus der Mikroperspektive einer Kulturarbeiterin. Herbener schildert keine abstrakten Prozesse, sondern authentische Erfahrungen von prekärer Existenz, die den Einfluss von politischen Zäsuren wie der sogenannten „Wende“, der Corona-Pandemie und dem Erstarken der AfD unmittelbar greifbar machen. Die Darstellung, wie soziale Fragmentierung konkret auf dem Marktplatz erlebt wird, ist nachvollziehbar und seziert ein Problem, das über Quedlinburg hinausweist.
Die Einordnung bleibt jedoch stark an die subjektive Sicht der Erzählerin gebunden. Strukturelle oder historische Hintergründe für die geschilderte Entwicklung werden kaum vertieft. Die immer wiederkehrende und als wenig hinterfragbar dargestellte Klage der Stadt, es sei „kein Geld da“, wird als politisches Totschlagargument benannt, ohne dass dieser Mechanismus anhand konkreter Beispiele oder Zahlen weiter aufgeschlüsselt würde. Die von Herbener konstatierte politische Verschiebung nach rechts wird zwar im Hinblick auf ihre eigene Arbeit mit Geflüchteten als existenzielle Bedrohung benannt, der Versuch einer politischen Einordnung der Akteure vor Ort bleibt jedoch fragmentarisch. Ein illustrativer Moment zeigt das politische Klima, in dem sie sich bewegt: „Der Bürgermeister, der also Kultur findet er, wir haben mehr als genug Kultur, also wir haben wirklich genug, es ist wunderbar so wie es ist und er ist zufrieden, dass es so viele Initiativen gibt [...], aber unterstützt werden können die nicht, weil die Stadt eben kein Geld hat.“ Hier wird eine politische Grundhaltung deutlich, die Kultur als Beiwerk definiert, dessen finanzielle Förderung nicht als Investition in das Gemeinwesen gedacht wird.
Hörempfehlung: Lohnt für alle, die eine authentische, ungeschliffene Innensicht auf das Ringen um gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem ostdeutschen Kleinod suchen, das mit Tourismusboom und politischer Spaltung gleichermaßen ringt.
Sprecher:innen
- Anja Herbener – Figurentheatermacherin und Gründerin eines Theaters in Quedlinburg