Bosch steckt im größten Umbau seiner Geschichte. 22.000 Stellen sollen allein in der Mobilitätssparte wegfallen, das traditionsreiche Unternehmen will sich zum diversifizierten Technologiekonzern wandeln. In diesem Gespräch mit Stefan Braun, Redaktionsleiter des Berlin.Table, erläutert Bosch-Chef Stefan Hartung, wie dieser Wandel gelingen soll – und was er von der Politik erwartet. Die weltpolitischen Spannungen, insbesondere zwischen den USA und China, seien für einen global aufgestellten Konzern eine zentrale Herausforderung, so Hartung. Europa müsse als Wirtschaftsraum enger zusammenwachsen und dürfe sich nicht in nationalen Einzelinteressen verlieren. Auffällig: Ökonomische Leistungsfähigkeit wird durchgehend als unhinterfragte Basis für alle anderen gesellschaftlichen Ziele gesetzt – von Verteidigung über Bildung bis zur Gesundheitsversorgung.

Zentrale Punkte

  • Wettbewerbsfähigkeit als oberstes Prinzip Hartung stellt wiederholt heraus, dass alle gesellschaftlichen Errungenschaften – von der Krankenversorgung bis zur Verteidigungsfähigkeit – auf ökonomischer Leistungsfähigkeit beruhten. Ohne sie verliere Europa sämtliche Optionen. Veränderungen wie der Stellenabbau bei Bosch seien unvermeidlich, weil ein Unternehmen im Wettbewerb bestehen müsse und die Substanz nicht gefährden dürfe.
  • Verbrenner noch lange nicht tot Der Verbrennungsmotor werde für „ein, zwei Arbeitsleben“ weiter gebraucht – in Notstromaggregaten, Datenzentren, beim Militär und in Märkten außerhalb Europas. Hartung kritisiert, dass Europa den Verbrenner zu früh für beendet erkläre, während die USA und China für 2035 noch hohe Anteile an Neufahrzeugen mit dieser Technologie voraussähen.
  • Politik müsse Anreize statt Verunsicherung schaffen Hartung fordert konkrete politische Beschlüsse zu Steuern und Sozialabgaben, statt weiterer Ankündigungen. „Unternehmer sein muss leicht sein – und es muss auch leicht sein, Arbeitnehmer zu sein und durch mehr Leistung mehr zu verdienen.“ Die hohe Steuer- und Abgabenlast in Deutschland verhindere, dass sich Mehrarbeit lohne, und lähme die Wirtschaft.

Einordnung

Das Gespräch bietet einen dichten Einblick in die Denkweise eines global agierenden Industriekonzerns. Hartung argumentiert konsistent aus der Logik unternehmerischer Wettbewerbsfähigkeit und liefert konkrete Beispiele für Bosch-interne Transformationsprozesse – vom Einstieg in die Klimatechnik bis zur Robotik. Die Stärke liegt in der klaren Darstellung, wie ein Großkonzern geopolitische Spannungen, technologischen Wandel und Standortentscheidungen miteinander verknüpft.

Kritisch zu sehen ist, dass ökonomische Zwänge durchgängig als naturgegeben dargestellt werden. Die Perspektive, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit das Fundament aller gesellschaftlichen Güter bilde, wird nicht befragt – Alternativen zu dieser Prioritätensetzung fehlen. Ebenso wird die Marktwirtschaft als quasi-mechanisches Erfolgsmodell präsentiert, das in China „hunderte Millionen Menschen in die Mittelklasse“ gebracht habe, ohne Verteilungsfragen oder Machtkonzentration zu thematisieren. Auch die Arbeitnehmer:innenseite kommt kaum vor: Stellenabbau erscheint als schmerzhafter, aber unvermeidlicher Sachzwang. Bemerkenswert ist schließlich Hartungs Aussage, man solle „die Kirche im Dorf lassen und nicht dauernd die Verbrenner für tot erklären“ – eine Formulierung, die Debatten über Technologieausstiege als unangemessen überhöht darstellt.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie ein DAX-Konzern-CEO globale Krisen, industrielle Transformation und politische Erwartungen in einer konsistenten wirtschaftsliberalen Logik verknüpft – und wo die blinden Flecken dieser Logik liegen.

Sprecher:innen

  • Stefan Hartung – Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH
  • Stefan Braun – Redaktionsleiter Berlin.Table, Interviewer