Auf der re:publica 26 spricht Maria Exner, Intendantin des Innovationszentrums Publix, über die Rolle von KI in der Medienkrise. Sie argumentiert, dass KI die strukturellen Probleme des Journalismus nicht löse, sondern eher verschärfe. Anhand von zehn Kernpunkten, gestützt auf Forschungsergebnisse und Studien, dekonstruiert sie den KI-Hype im Medienbereich und plädiert für mehr Investitionen in relevanz- statt effizienzorientierten Journalismus und unabhängige digitale Infrastruktur.
Effizienzgewinne durch KI seien eine Illusion
Journalismus sei keine Fertigungsstraße. Die Erwartung, dass KI redaktionelle Arbeit automatisch effizienter mache, scheitere an der Realität: Ergebnisse müssten mühsam von Menschen überprüft werden, und das Versprechen durchbreche nicht das „eiserne Dreieck“ aus schnell, günstig und gut. „Es gibt eigentlich keinen einheitlichen journalistischen Prozess, der sauber abgetrennt und auf Effizienzgewinne hin optimiert werden kann“, so Exner.
KI führe nicht zu mehr kreativer Freiheit, sondern zu mehr Kontrollarbeit
Entgegen der Hoffnung, dass KI Routineaufgaben übernehme und Freiräume für Recherche schaffe, zeige die Forschung, dass Redaktionen sich in einem Prozess der wechselseitigen „Aneignung“ befänden. Journalist:innen würden in aufwändige „Kontrollroutinen“ gezwungen, um KI-Ergebnisse zu prüfen und zu korrigieren. Der versprochene Raum für genuine journalistische Arbeit bleibe so aus.
Erfolgreiche Geschäftsmodelle setzten auf weniger, aber bessere Inhalte
Exner verweist auf das Beispiel der britischen Times, die mit einer Strategie radikal reduzierter Artikelmenge Reichweite und Abonnent:innen-Zahlen steigern konnte. „Nicht wer mehr Inhalte schafft, wird relevanter, sondern wer die relevanteren Inhalte schafft.“ Das widerspreche dem durch KI forcierten Fokus auf Quantität.
Das Publikum misstraue KI-generierten Inhalten zutiefst
Umfragedaten des Reuters Institute zeigten, dass die Menschen glaubten, KI mache Nachrichten zwar billiger, aber weniger vertrauenswürdig. Die Fähigkeit, KI-generierte von menschlichen Inhalten zu unterscheiden, trauten die meisten eher sich selbst zu als Medienhäusern oder Journalist:innen. Exner betont, dass der Einsatz von KI dem Geschäftsmodell nütze, aber das Vertrauen der Nutzer:innen untergrabe.
KI-Tools erreichten vor allem die bereits Informierten
Die Nutzung von KI für Nachrichtenkonsum sei unter Menschen, die sich bereits viel informierten, am stärksten verbreitet. Die Forschung spreche von einer „Participation Gap“. „KI bietet neue Werkzeuge für Menschen, die sich sowieso bereits beständig informieren, aber trägt fast nichts dazu bei, dass Menschen, die wir in der Informationslandschaft verloren haben, zurückgeholt werden.“
Der Journalismus müsse vom „Technology Taker“ zum „Technology Maker“ werden
Die Branche habe sich seit dem Aufkommen von Social Media zu sehr auf die Plattformen des Silicon Valley verlassen. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, brauche es gemeinsame Anstrengungen, etwa einen von Qualitätsmedien betriebenen News-Agenten, und Investitionen in gemeinwohlorientierte digitale Infrastrukturen, die demokratische Werte stärkten.