Die Sendung stellt verschiedene digitale Projekte vor, die mithilfe Künstlicher Intelligenz Keilschrifttexte erschließen. Im Zentrum steht die Arbeit von Enrique Jimenez und seinem Team an der Electronic Babylonian Library. Die Reportage präsentiert diese Technologien durchweg als nützliche Werkzeuge, die Forschenden mühsame Handarbeit abnehmen. Die Annahme, dass technischer Fortschritt und die digitale Erschließung alter Texte grundsätzlich erstrebenswert seien, wird dabei nicht hinterfragt. Die Forschung wird als internationale Gemeinschaftsleistung inszeniert, bei der Algorithmen und Menschen harmonisch zusammenwirken. Die Rahmung betont die Kontinuität menschlicher Erfahrung über Jahrtausende – Steuerakten, Mietverträge, Kochrezepte von damals ähnelten denen von heute verblüffend.

Zentrale Punkte

  • Algorithmen als Puzzle-Meister KI-Programme könnten Tontafel-Fragmente aus verschiedenen Museen weltweit automatisch einander zuordnen und sogenannte „Joints" finden – Verbindungen, die ein Mensch manuell nie entdeckt hätte. Die Technik sei von der Genomsequenzierung inspiriert.
  • Verwaltungsakten als Umweltarchiv Zehntausende standardisierte Verwaltungstexte zu Schafen, Getreide und Fischfang ließen sich mit maschineller Übersetzung auswerten. Auch unvollkommene Übersetzungen reichten aus, um historische Trends zu erkennen und die Mensch-Umwelt-Beziehung in frühen Stadtstaaten zu erforschen.
  • Der Mensch bleibt unersetzlich Trotz KI-Fortschritt sei für das eigentliche Verständnis der Texte weiterhin menschliche Expertise nötig. Keilschriftzeichen hätten je nach Kontext völlig verschiedene Bedeutungen, was Maschinen vor große Probleme stelle. Die digitalen Werkzeuge dienten vor allem der Vorarbeit.

Einordnung

Die Stärke der Episode liegt in ihrer Anschaulichkeit: Der Autor fasst selbst Tontafeln an, lässt sich Keilschriftzeichen erklären, besucht Forschende in Jena, München und Halle. So entsteht ein lebendiges Bild davon, wie sich ein traditionell kleines Fach durch Digitalisierung wandelt. Die Mischung aus O-Tönen verschiedener Disziplinen – Altorientalistik, Informatik, Bioinformatik-Denken – vermittelt, dass hier echte interdisziplinäre Zusammenarbeit stattfindet.

Allerdings bleibt ein zentraler Aspekt vollständig ausgeblendet: die Frage, wem diese Tontafeln eigentlich gehören. Wenn von „Museen der Welt" die Rede ist, in denen eine halbe Million Tafeln lagern, wird nicht thematisiert, auf welchen Wegen sie dorthin gelangten. Die Sammlungen in Jena, London oder Yale erscheinen als selbstverständliche Aufbewahrungsorte, nicht als Ergebnis kolonialer Aneignung. Dabei stammen nahezu alle Tafeln aus dem heutigen Irak. Die Herkunftsfrage wird mit keinem Wort gestreift. Dadurch wirkt die internationale Forschung als rein kooperatives Fortschrittsprojekt – eine Perspektive, die Machtverhältnisse unsichtbar macht.

Hörempfehlung: Für alle, die sich für Digital Humanities, alte Sprachen oder die Anfänge der Zivilisation interessieren, bietet die Episode eine kurzweilige, gut erzählte Einführung in ein faszinierendes Forschungsfeld.

Sprecher:innen

  • Volkert Wildermuth – Autor und Sprecher, Wissenschaftsjournalist
  • Enrique Jimenez – Altorientalist, LMU München, Leiter der Electronic Babylonian Library
  • Adrian Cornelius Heinrich – Altorientalist, Universität Jena
  • Fabian Simonjetz – Informatiker, Electronic Babylonian Library
  • Hubert Mara – Informatiker, Universität Halle, 3D-Keilschriftanalyse
  • Emilie Pagé-Perron – Assyrologin, Universität York, maschinelle Keilschriftübersetzung
  • Karen Radner – Altorientalistin, LMU München