Roger Köppel meldet sich in dieser Solo-Ausgabe von «Weltwoche Daily» aus Moskau, wo er eigenen Angaben zufolge ein ausführliches Gespräch mit dem Kreml-Sprecher Dmitri Peskow geführt habe – das Interview selbst ist nicht Teil der Sendung, sondern wird lediglich angekündigt. Köppel rahmt seine Reise und die Begegnung als Bruch mit einem angeblichen westlichen Konsens, wonach Gespräche mit russischen Regierungsvertretern unerwünscht seien. Er stelle sich als eine Art Brückenbauer dar, der „zwischen den verschiedenen Lagern herumgondle", während andere Medien diese Kontakte verweigerten. Als selbstverständlich gesetzt erscheint dabei die Annahme, dass die europäische Unterstützung der Ukraine eine Eskalation darstelle, auf die Russland lediglich reagieren müsse – nicht umgekehrt. Russische Kriegsführung und Besatzung werden in dieser Rahmung zur Gegenwehr, während westliche Waffenlieferungen als ursächliche Provokation gelten.
Zentrale Punkte
- Selbstinszenierung als Tabubrecher Köppel stelle sich als einen der wenigen westlichen Journalisten dar, die noch mit russischen Offiziellen sprächen. Diese Kontaktaufnahme sei mutig und notwendig, weil sie angeblich von anderen Medien unterlassen werde – er stülpe seinem Vorgehen damit eine Aura des Verbotenen über.
- NATO als anachronistisches Sicherheitsrisiko Die NATO sei ein Relikt des Kalten Krieges ohne klaren Auftrag und stelle gerade durch diese Unschärfe eine Gefahr dar. Sie habe den Warschauer Pakt provoziert und führe seither Kriege „vom Zaun" – eine Darstellung, die das westliche Bündnis grundsätzlich als Aggressor zeichnet, ohne dessen Verteidigungsfunktion oder demokratische Verfasstheit zu erwähnen.
- Peskow als vernünftige Stimme Peskow wird als „sorgfältig formulierender Staatsdiener" und „westlich orientiert" charakterisiert. Seine Aussage, Russland werde „sicherlich den dritten Weltkrieg nicht eröffnen", präsentiere Köppel als beruhigend und vertrauenswürdig – eine Rahmung, die dem Sprecher eines Regimes, das einen Angriffskrieg führt, Glaubwürdigkeit als Friedensstimme zuschreibt.
Einordnung
Die Episode ist kein Interview, sondern ein werbender Monolog, der ein künftiges Gespräch anpreist. Köppel nutzt die Sendung, um seine journalistische Rolle heroisch aufzuladen: Er allein wage, was anderen verwehrt sei. Diese Selbstinszenierung funktioniert als Abgrenzungsgeste zum sogenannten Mainstream, dessen Berichterstattung pauschal als einseitig und verweigernd dargestellt wird. Implizit behauptet Köppel damit eine Debattenverzerrung, ohne diese konkret zu belegen.
Sprachlich fällt auf, wie konsequent die russische Perspektive als die eigentlich rationale gesetzt wird – Peskow sei „vernünftig", während europäische Positionen als eskaliierend und realitätsfern erscheinen. Der Krieg wird zu etwas, das der Westen nach Russland hineinträgt; die russische Invasion und Besatzung ukrainischer Gebiete bleibt unbenannt. Dass Peskow für ein Regime spricht, das oppositionelle Stimmen unterdrückt und Kriegsgegner:innen verfolgt, ist kein Thema. Die Charakterisierung als „Staatsdiener" entpolitisiert seine Rolle. Köppels Argumentation gipfelt im Satz: „Gerade das ist ja der Grund, warum man das tun muss" – das Verbotene wird zum zwingenden journalistischen Imperativ stilisiert, ohne die eigene Selektivität zu reflektieren.
Für kritische Hörer:innen bietet die Episode Anschauungsmaterial, wie ein meinungsstarkes Format die Grenzen zwischen Berichterstattung und Selbstvermarktung verwischt. Wer eine differenzierte Einordnung der russischen Position sucht, müsste das angekündigte Interview selbst prüfen.
Hörempfehlung: Lohnt sich nur für Beobachter:innen, die analysieren wollen, wie ein meinungsgetriebenes Format mit Abgrenzungsrhetorik und Selbstinszenierung arbeitet.
Sprecher:innen
- Roger Köppel – Verleger und Chefredaktor der Weltwoche, hier als alleiniger Moderator aus Moskau