In dieser Episode des Übermedien-Podcasts spricht Holger Klein mit dem Medienpsychologen Benedikt Till über ein Forschungsprojekt zur Terrorismusberichterstattung. Till und seine Kollegin Brigitte Naderer haben österreichische und deutsche Tageszeitungen daraufhin untersucht, wie sie zwischen 2016 und 2020 über islamistische und rechtsextreme Anschläge berichteten. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Medien durch die Art ihrer Berichterstattung – etwa durch das Zeigen von Täterfotos oder das Ausbreiten von Planungsdetails – ungewollt Werbung für Attentäter und ihre Ideologien machten. Till argumentiert, dass viele Redaktionen sich dieser Wirkung nicht bewusst seien und plädiert für eine Zurückhaltung, die sich an der Suizidberichterstattung orientiere. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei, dass die Vermeidung von Nachahmungstaten und der Schutz von Opfern Vorrang vor einem umfassenden Informationsanspruch der Öffentlichkeit haben müssten.
Zentrale Punkte
- Fokus auf Täteridentität Boulevardzeitungen zeigten deutlich häufiger Fotos von Attentätern, während Qualitätszeitungen mehr Details zu Planung und Durchführung preisgäben, was Nachahmungstaten fördern könne.
- Unterschiedliche Narrative je nach Motiv Islamistische Anschläge würden als Teil organisierter Netzwerke dargestellt, rechtsextreme Taten hingegen als Einzeltaten mit psychischen Problemen – beides entspreche oft nicht der Realität.
- Werbung für den Attentäter Durch die Fokussierung auf die Person des Täters und sein Manifest stellten sich Journalist:innen unbeabsichtigt in den Dienst der Attentäter und ihrer Botschaften.
Einordnung
Die Episode liefert eine kompakte, forschungsgestützte Einführung in die Problematik sensationsträchtiger Terrorberichterstattung. Till argumentiert differenziert, vermeidet simple Medienschelte und zeigt Verständnis für den journalistischen Arbeitsdruck. Die Unterscheidung zwischen Boulevard und Qualitätsmedien ist aufschlussreich, weil sie gängige Qualitätserwartungen hinterfragt: Gerade längere, detailreiche Artikel können ungewollt schädlich wirken. Positiv ist auch der Hinweis auf die fehlerhafte Verwendung von Labeln wie »Selbstmordattentat« – selten sieht man Forschung, die journalistische Routinen so konkret an der Realität misst.
Die Argumentation bleibt jedoch auf einer präventionslogischen Ebene, die andere journalistische Güter kaum abwägt. Die Frage, welchen demokratischen Informationswert eine umfassende Berichterstattung über Anschläge haben könnte, wird nicht gestellt. Dass Medien Ursachen und Kontexte ausleuchten, um gesellschaftliche Debatten zu ermöglichen, erscheint hier implizit als weniger wichtig als die Vermeidung von Nachahmung. Auch der Vergleich mit der Suizidberichterstattung wird als Vorbild präsentiert, ohne zu reflektieren, dass es sich dort um private Handlungen handelt, während Terroranschläge öffentliche Angriffe mit politischer Dimension sind. Till sagt: »Ungewollt stellen sich Journalisten und Journalistinnen eigentlich da in den Dienst dieser Attentäter« – eine starke Formulierung, die ein journalistisches Grunddilemma benennt, aber die Abwägung zwischen Informationspflicht und Schadensvermeidung etwas einseitig auflöst.
Sprecher:innen
- Benedikt Till – Medienpsychologe, Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien
- Holger Klein – Moderator und Host von »Holger ruft an« bei Übermedien