In dieser zweiten Fahrstunde des "Erkenntnistheoretischen Führerschein" sprechen Andreas Kollar und Fritz Simon über den freien Willen aus systemtheoretischer Perspektive. Die zentrale Botschaft: Systeme existieren nicht an sich, sondern entstehen erst durch Beobachtung. Entscheidungen seien nicht direkt beobachtbar, nur Verhalten – was als Erklärungsprinzip für menschliches Handeln dient. Als Beispiel taucht immer wieder der Straßenverkehr auf: Deutsche Fahrer:innen würden stärker auf Eigenverantwortung setzen, während italienische Städte auf gegenseitiges Vertrauen bauen. Tiere wie Hunde könnten lernen, Verkehrsregeln zu verstehen – Frösche hingegen nicht, da ihre innere Struktur anders sei. Der freie Wille wird als „nützliches Konstrukt“ beschrieben, das vor allem der Zuschreibung von Verantwortung dient. Lernen funktioniere über Nichtanpassung, nicht zwingend über Scheitern. Das Gespräch bleibt auf einer theoretisch-abstrakten Ebene, ohne konkrete Handlungsanleitungen oder problematische Inhalte.

1 Systeme entstehen erst durch Beobachtung

Fritz Simon betont: „Systeme sind nicht einfach da – sie entstehen erst durch Beobachter.“ Was als System wahrgenommen wird, hänge von der Perspektive des Beobachters ab – ob es sich um einen Topf Kartoffeln oder den Wiener Straßenverkehr handelt.

2 Entscheidungen sind nicht beobachtbar – nur Verhalten

„Entscheidungen kann man nicht beobachten – nur Verhalten.“ Das Konzept der Entscheidung sei eine systemische Konstruktion, die menschliches Handeln erklären helfe, aber nicht direkt messbar sei.

3 Strukturdeterminiertheit bestimmt Handeln

Alles, was ein Organismus tue, sei durch seine innere Struktur determiniert. Reize wirkten als „Anregung“ oder „Irritation“, nicht als kausale Reiz-Reaktions-Kette. Tiere wie Hunde könnten lernen, Verkehrsregeln zu verstehen – Frösche hingegen nicht, da ihre Struktur andere Möglichkeiten biete.

4 Freier Wille als nützliches Konstrukt

Der freie Wille werde nicht als metaphysische Entität behauptet, sondern als pragmatisches Konstrukt zur Zuschreibung von Verantwortung. „Für die Entscheidung meines Gehirns bin ich bereit, die Haftung zu übernehmen.“

5 Lernen durch Nichtanpassung

Lernen entstehe nicht zwingend durch Scheitern, sondern durch subjektive Nichtanpassung – wenn etwas nicht mehr „passt“, entstehe Raum für Neues. Das gelte für persönliche Entwicklung ebenso wie für gesellschaftliche Veränderungen.

Einordnung

Das Gespräch zwischen Kollar und Simon ist ein Beispiel für anspruchsvolle Wissenschaftskommunikation im Format eines lehrhaften Dialogs. Die beiden sprechen auf Augenhöhe, ohne belehrend zu wirken – eine seltene Balance in Fachpodcasts. Die Verkehrsmethapher wird dabei nicht als plattes Bild, sondern als erkenntnistheoretisches Werkzeug genutzt, das komplexe systemtheoretische Konzepte anschaulich macht. Besonders bemerkenswert ist die Offenheit gegenüber Unschärfen: Es geht nicht um „die Wahrheit“, sondern um brauchbare Perspektiven. Kritisch anzumerken ist, dass die Perspektiven auf soziale und kulturelle Unterschiede stark vereinfacht bleiben – etwa bei der Unterscheidung zwischen „deutschem“ und „italienischem“ Fahrstil. Es fehlen marginalisierte Stimmen oder kritische Gegenpositionen zur systemtheoretischen Sichtweise. Dennoch gelingt den beiden ein respektvoller, klarer und ideologiefreier Diskurs – ohne Esoterik, ohne rechte Narrative, ohne Heilsversprechen.

Hörempfehlung: Wer systemtheoretische Konzepte verstehen will, ohne trockene Lehrbücher zu lesen, findet hier einen klugen, unterhaltsamen Einstieg – mit prägnanten Beispielen und ohne erhobenen Zeigefinger.