Paris Marx und Cecilia Rikap diskutieren in "Digital Sovereignty and the Cost of US Tech Dependence" die Abhängigkeit vieler Länder von US-amerikanischen Tech-Giganten und die Notwendigkeit digitaler Souveränität. Rikap, Wirtschaftsprofessorin an der UCL, kritisiert insbesondere die britische Labour-Regierung unter Keir Starmer, die sich laut ihrer Aussage vollständig den Interessen von Microsoft, OpenAI und Co. unterordne. Die Regierung habe den Vorsitzenden der Wettbewerbsbehörde CMA abgesetzt und durch einen ehemaligen Amazon-Manager ersetzt, gleichzeitig seien hundert Stellen gestrichen worden. Dies signalisiere eine systematische Schwächung staatlicher Kontrolle.

Die britische Regierung als abschreckendes Beispiel

Rikap beschreibt das Vorgehen der britischen Regierung als „paradigmatisch“ dafür, wie man digitale Souveränität nicht umsetze. Die Kooperation mit Microsoft und OpenAI führe zu einer dauerhaften Abhängigkeit: „Once you start using these technologies, especially on the cloud, it becomes almost impossible to leave.“

Zwillings-Extraktivismus: Daten und Natur

Ein zentrales Konzept der Analyse ist der „twin extractivism“: einerseits würden US-Firmen Daten und Wissen aus Ländern des globalen Südens extrahieren, andererseits werde lokale Natur – etwa durch energieintensive Rechenzentren – ausgebeutet. Diese Entwicklung führe zu keinem nachhaltigen Wirtschaftswachstum, sondern zu einer „neuen Form von Natur-Extraktivismus“.

Europäische Ansätze bleiben halbherzig

Die EU setze zwar auf Projekte wie „Eurostack“ und öffentliche Rechenzentren, bleibe aber in einem techno-nationalistischen Rahmen gefangen. Rikap kritisiert, dass europäische Unternehmen wie SAP oder Siemens weiterhin eng mit US-Cloud-Anbietern kooperierten und keine echte Alternative böten.

Lateinamerika zwischen Hoffnung und Kompromiss

Brasilien habe mit dem temporären Verbot von X/Twitter und der Entwicklung eines eigenen KI-Plans erste Schritte unternommen, sei aber durch Lobbyarbeit von Microsoft und Co. gebremst worden. Chile habe zwar ein umfassendes Umwelt-Tool für Rechenzentren entwickelt, dieses aber nicht durchgesetzt. Ein positives Beispiel sei Uruguay, wo die staatliche Telekom Antel als Cloud-Anbieter für die öffentliche Verwaltung dienen könnte.

Einordnung

Die Episode bietet eine scharfe, gut recherchierte Kritik an der aktuellen Tech-Politik – insbesondere in Großbritannien – und zeigt, wie sehr Regierungen sich von US-Tech-Konzernen abhängig machen. Die Argumentation ist stringent, die Beispiele konkret. Gleichzeitig bleibt der Fokus klar auf die Machart der Politik und die Strukturen der Abhängigkeit gerichtet, nicht auf einzelne politische Akteure. Besonders bemerkenswert ist die klare Abgrenzung zwischen einer kapitalistischen und einer progressiven Vision digitaler Souveränität. Es gibt keine Hinweise auf rechte oder verschwörungstheoretische Inhalte. Die Analyse bleibt auf einer wissenschaftlich fundierten Ebene und fordert demokratische Kontrolle über digitale Infrastrukturen statt Techno-Nationalismus. Wer eine kritische, faktenbasierte Perspektive auf globale Tech-Abhängigkeiten sucht, findet hier eine lohnenswerte Auseinandersetzung.

Hörempfehlung: Eine klare, analytische Episode für alle, die verstehen wollen, wie digitale Abhängigkeit funktioniert – und wie man ihr entkommen könnte.