Das Feature von Vanessa Schlesier begleitet die junge Afghanin Sachra und ihre Schwester Seinab in den Jahren nach der Machtübernahme der Taliban 2021. Im Zentrum steht die Frage, wie Frauen in einem System überleben, das sie systematisch aus der Öffentlichkeit drängt. Die Reportage zeigt, wie sich die Protagonistinnen Räume für Bildung und Arbeit erkämpfen – und diese später wieder verlieren. Dabei wird die persönliche Geschichte eng mit der politischen Entwicklung verwoben: Internationale Versprechen von Frauenrechten, der Rückzug des Westens und eine Gesellschaft, in der die Kontrolle über Frauen tief verwurzelt ist und von den Taliban zur Staatsdoktrin erhoben werde.

Zentrale Punkte

  • Hebammenarbeit als letzter Freiraum Nach dem Verlust von Studium und Bewegungsfreiheit finde Sachra in einer Hebammenausbildung einen Weg, sich als wertvoll zu empfinden und der häuslichen Isolation zu entkommen. Die Arbeit in einem armen Bergviertel Kabuls sei mehr als ein Beruf – sie sei ein „Rettungsanker gegen die Depression".
  • Taliban-Politik als System der Zerstörung Die Verbote der Taliban – von Schulbildung über Arbeit bis zur freien Bewegung – seien kein einzelner Akt, sondern ein sich stetig verschärfendes System, das Frauen vollständig aus der Öffentlichkeit entfernen solle. Als auch die Hebammenausbildung verboten werde, verschwinde dieser letzte Rückzugsort.
  • Eingewobene patriarchale Strukturen Das Frauenbild der Taliban sei radikaler Ausdruck einer tief in der Gesellschaft verankerten Logik: Töchter würden als zukünftige Arbeitskräfte der Schwiegerfamilie betrachtet, ihre Ausbildung als weniger wertvoll. Der Druck zu heiraten wachse mit der Unsicherheit – auch in zuvor offeneren Familien.

Einordnung

Das Feature lebt von der Nähe zu seinen Protagonistinnen. Schlesier gelingt es, durch genaue Alltagsbeobachtungen – das schnellere Gehen bei Gefahr, die verhüllten Gesichter, die Nachricht von Sachra um Hilfe – ein eindringliches Bild der schrittweise schwindenden Freiheiten zu zeichnen. Die Frauen werden nicht als passive Opfer dargestellt, sondern als Handelnde, die sich unter den engen Regeln der Taliban kleine Spielräume erkämpfen. Besonders stark ist die Einbettung in historische Zusammenhänge: Die Darstellung, dass der Krieg gegen den Terror auch mit Frauenrechten begründet wurde, zeigt, wie das Schicksal afghanischer Frauen stets zur Projektionsfläche internationaler Politik wurde. Die Erzählperspektive reflektiert zudem die eigene privilegierte Position der Journalistin: Sie kommt wegen ihres europäischen Passes wieder heraus, die anderen bleiben zurück.

Die Rahmung des Features orientiert sich stark an der Idee einer „verlorenen Freiheit". Dadurch gerät die Zeit vor den Taliban fast zu einer Norm, an der die Gegenwart gemessen wird. Weniger Raum erhält die Frage, ob diese Freiheit – auf wenige städtische Milieus begrenzt – jemals die Lebensrealität der Mehrheit afghanischer Frauen in ländlichen Regionen war. Auch die wiederholte Behauptung, die Taliban interpretierten den Islam bewusst falsch, wird als Argument der Protagonistinnen übernommen, ohne dass der Feature-Stil dies als eine theologische Position innerhalb eines innerafghanischen Deutungskampfes kennzeichnet.

Hörempfehlung: Ein dichtes, einfühlsam erzähltes Feature für alle, die verstehen wollen, wie sich autoritäre Geschlechterpolitik im Alltag anfühlt und warum Resilienz kein Ersatz für Rechte ist.

Sprecher:innen

  • Vanessa Schlesier – Autorin und Sprecherin des Features
  • Thea Tabassomi, Flavia Le Fevre, Benita Sarah Bailey – Sprecherinnen