Die Episode wurde live auf einer Konferenz des Institute of International Finance aufgezeichnet und widmet sich dem Übergang von der "Polycrise" zur globalen "Unordnung". Zentral ist die Diagnose einer kognitiven Dissonanz: Während die Finanzmärkte Kontinuität signalisieren, sehen Politikexpert:innen die Weltordnung zerfallen. Diskutiert werden die ironischen Folgen militärischer Gewalt, die sozialen Folgen von KI und die Stabilität Chinas. Als selbstverständlich vorausgesetzt wird dabei oft, dass rationale Kapitalakkumulation der eigentliche Motor der Moderne sei – militärische Eskalation erscheint als irrationaler Rückschritt. Die Rettung des Sozialstaats durch Tech-Milliardäre wird als Illusion entlarvt, da soziale Errungenschaften historisch durch Klassenkampf, nicht durch Großzügigkeit entstünden.

Zentrale Punkte

  • Polycrise weicht echter Unordnung Das Konzept der Polycrise setze eine liberale Hegemonie voraus, die nun verschwunden sei. Stattdessen herrsche kognitive Dissonanz: Während Finanzmärkte Kontinuität signalisierten, sähen Politiker:innen die Weltordnung zerfallen.

  • Gewalt erzeuge ironische Folgen Militärische Gewalt führe selten zu beabsichtigten Ergebnissen. Die aktuelle „fröhliche“ Anwendung von Gewalt als rationales Politikinstrument werde als Bruch mit der Tradition des widerwilligen Soldiertums dargestellt.

  • Sozialverträge entstünden durch Kampf Vorschläge von KI-Firmen für Sozialverträge seien illusorisch. Solche Modelle entständen nicht durch Tech-Großzügigkeit, sondern durch Klassenkampf und Machtfragen, wie der Vertrag von Detroit zeige.

  • US-Demokratie zerstöre sich selbst Ein Ende des Populismus sei durch Wahlsiege der Demokraten nicht zu erwarten, da die rechte Krise aufrichtig sei. Zudem werde die staatliche Infrastruktur der USA aktiv demontiert.

Einordnung

Die Episode überzeugt durch historische Tiefenschärfe, besonders wenn Tooze den Tech-Diskurs konterkariert und Sozialverträge als Resultat von Kämpfen statt von Milliarden-Geschenken erklärt. Scharfsinnig ist auch die Diagnose der kognitiven Dissonanz zwischen Finanz- und Politikwelt. Problematisch bleibt, dass die Perspektive des IIF-Publikums den Diskursrahmen setzt. Chinas Autoritarismus wird als effizientes System der Krisenvermeidung dargestellt, wobei Repression als staatsliche Anpassungsfähigkeit normalisiert wird. Tooze nennt den Unsicherheitsindex treffend einen „Euphemismus für spätnächtliche Tweets eines gelangweilten älteren Herrn“.

Sprecher:innen

  • Cameron Abadi – Moderator und stellvertretender Chefredakteur bei Foreign Policy
  • Adam Tooze – Wirtschaftskolumnist, Historiker und Professor an der Columbia University