Der Podcast „Sprint“ der Bundesagentur für Sprunginnovationen widmet sich Technologien mit Potenzial für grundlegende Veränderungen. In dieser Episode spricht Moderator Thomas Ramge mit Dr. Sebastian Rakers, dem Co-Gründer des Hamburger Startups bluu. Das Gespräch dreht sich um die Herstellung von zellbasiertem Fisch, der im Bioreaktor aus adulten Stammzellen gezüchtet wird, ohne dass dafür ein Tier geschlachtet werden muss. Der Fokus liegt auf den Verzögerungen durch regulatorische Hürden, den Schwierigkeiten beim wirtschaftlichen Skalieren und einer überraschenden strategischen Neuausrichtung: Da die Zulassung für Lebensmittel zu lange dauere und die Skalierung zu teuer sei, sehe bluu seinen ersten Zielmarkt nun in der Kosmetikbranche mit einem Fischzellextrakt. Die Entwicklung wird dabei durchgängig als technisch-naturgegebener Fortschritt dargestellt, der vor allem durch externe Umstände gebremst werde.

Zentrale Punkte

  • Singapur als regulatorisches Fenster Singapur habe 2020 als erstes Land zellbasiertes Fleisch zugelassen und verfolge das Ziel, bis 2030 30 % der Agrarprodukte selbst herzustellen. Deshalb habe bluu dort ein Zulassungsdossier eingereicht, dessen Begutachtung noch andauere. Eine Markteinführung in Europa scheitere hingegen an langsame und für Startups oft zu unflexiblen Verfahren, die keine schrittweise Datennachreichung erlaubten.
  • Flucht in die Kosmetik als wirtschaftliche Notwendigkeit Da die Skalierung für den Lebensmittelmarkt teuer sei und die Zulassung Jahre dauern könne, wolle bluu als erstes Produkt kein Filet, sondern einen Fischzellextrakt für die Hautpflege anbieten. Die Zellen produzierten Kollagen, Omega-3-Fettsäuren und Signalmoleküle, die für faltenreduzierende Cremes interessant seien, und erlaubten so erste Umsätze noch vor der teuren Lebensmittelskalierung.
  • Die ewige Jugend der Fischzelle als Produktionsvorteil Adulte Stammzellen von Fischen hätten den Vorteil, dass sie sich ohne gentechnische Veränderung dauerhaft teilen könnten, weil das Enzym Telomerase bei ihnen besonders aktiv sei. Dadurch seien keine embryonalen Stammzellen nötig, und die Kultur bleibe stabil auf die gewünschten Gewebetypen beschränkt, was den industriellen Produktionsprozess kontrollierbar mache.
  • Marktentwicklung im Jahrzehnte-Takt Erst in etwa einem Jahr werde der Kosmetikextrakt marktreif sein, in drei Jahren solle dessen Produktion im Tonnenmaßstab laufen. Ein Lebensmittelprodukt im Supermarkt sei dagegen frühestens in zehn Jahren realistisch – falls bis dahin die Zulassungs- und Skalierungsprobleme gelöst seien.

Einordnung

Die Episode besticht durch ihre thematische Tiefe und die klare, zugängliche Erklärweise eines komplexen biotechnologischen Verfahrens. Rakers liefert detaillierte Einblicke in die Herausforderungen der Skalierung und der Regulierung und gibt die massiven zeitlichen Horizonte offen zu. Die Anpassung der Unternehmensstrategie an die realen Markt- und Regulierungsbedingungen wird nachvollziehbar gemacht.

Allerdings wird die Technologie fast ausschließlich als Antwort auf ein ansonsten unlösbares Versorgungsproblem präsentiert, wobei die dramatische Darstellung der überfischten Meere als alleinige Begründung für die Notwendigkeit von zellbasiertem Fisch dient. Alternative Denkansätze wie veränderte Konsummuster oder politische Regulierung der existierenden Fischerei werden nicht diskutiert. Dass eine risikokapitalfinanzierte Unternehmung aus ökonomischem Druck zwangsläufig zuerst in ein margenstärkeres Luxussegment wie die Kosmetikbranche ausweichen muss, wird als pragmatisch dargestellt – ohne die Implikationen für die ursprünglich formulierte Vision einer Ernährungswende zu vertiefen. „Das ist also die Vision, die bestehen bleibt, aber auf dem Weg dahin, wie können wir es so hinbekommen, dass wir als Unternehmen auch fortbestehen können?", formuliert Rakers. Die Rahmung des Gesprächs lädt generell eher zum Staunen über technische Machbarkeit ein als zur Diskussion ihrer ernährungspolitischen Relevanz.

Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die verstehen möchten, warum eine vielversprechende Biotech-Innovation Jahre vom Teller entfernt ist und wie ein Startup unter Realisierungsdruck seine Strategie radikal anpassen muss.

Sprecher:innen

  • Dr. Sebastian Rakers – Meeresbiologe und Co-Gründer des Hamburger Startups bluu für zellbasierten Fisch
  • Thomas Ramge – Moderator und Host des Podcasts „Sprint" der Bundesagentur für Sprunginnovationen