Mike Brock, ein ehemaliger Tech-Manager, setzt sich in seinem Newsletter kritisch mit dem weit verbreiteten Glauben auseinander, dass Präsident:innen die Wirtschaft aktiv steuern könnten. Er beginnt mit der Beobachtung, dass viele US-Wähler:innen im Jahr 2024 Donald Trump wählten, weil sie die wirtschaftliche Lage von 2019 zurücksehnen, ohne jedoch eine logische Erklärung für den kausalen Zusammenhang zwischen Trumps Handeln und dem damaligen Wohlstand zu haben. Brock argumentiert hierbei radikal: „Niemand steuert die Wirtschaft.“ Er beschreibt das Wirtschaftssystem nicht als kontrollierbare Maschine, sondern als einen massiv dezentralen, adaptiven Organismus, der sich einer zentralen Steuerung durch Politik oder Wissenschaft entzieht.

Um diese These zu untermauern, zieht Brock Parallelen zur Quantenphysik und zur Mathematik. Er verweist auf Heisenbergs Unschärferelation und Gödels Unvollständigkeitssatz, um zu verdeutlichen, dass Beobachter:innen innerhalb eines komplexen Systems dieses niemals vollständig erfassen oder vorhersagen können. Für ihn ist die Annahme, ein Präsident könne gezielt Wirtschaftswachstum erzeugen, ein fundamentaler Kategorienfehler. Er vergleicht den wirtschaftlichen Erfolg während einer Amtszeit pointiert mit einem Regentanz: „Der Präsident, der während einer Phase des Wirtschaftswachstums im Weißen Haus saß, ist ebenso wenig der Urheber dieses Wachstums wie der Schamane, der den Regentanz vollführte, der Urheber des darauf folgenden Regens ist.“

Dennoch räumt Brock eine wichtige Asymmetrie ein: Während Präsident:innen die Wirtschaft kaum positiv steuern könnten, hätten sie massive Macht, sie zu schädigen. Er identifiziert Zölle, Defizitkrisen und regulatorische Unsicherheit als Schocks, die ein komplexes System aus dem Gleichgewicht bringen können. Damit kritisiert er die Rhetorik Trumps als gefährliche Illusion, die nur deshalb funktioniere, weil die Gesellschaft es versäumt habe, ihren Bürger:innen die nötigen erkenntnistheoretischen Werkzeuge an die Hand zu geben. Demokratie sei für ihn eine lebenslange Praxis, die von den Wähler:innen verlangt, Korrelation konsequent von Kausalität zu unterscheiden.

Einordnung

Brock präsentiert seine Analyse zwar als rein philosophisch und jenseits politischer Parteilichkeit, doch seine Stoßrichtung ist eine liberale Polemik gegen den Populismus. Er nutzt hochtrabende wissenschaftliche Analogien, um die Entscheidungsgrundlagen von Millionen Wähler:innen als intellektuelles Versagen oder „Fehler in der Erkenntnistheorie“ zu deklassieren. Dabei bleibt er in einer technokratischen Sichtweise verhaftet, die emotionale Realitäten der Bürger:innen zwar als „rational auf Basis gelebter Erfahrung“ anerkennt, sie aber letztlich als unzureichend informiert abtut. Interessant ist sein Framing der „Asymmetrie“, das es ihm erlaubt, Trump direkt für wirtschaftliche Schäden verantwortlich zu machen, während er ihm jeglichen Kredit für Erfolge abspricht. Diese argumentative Konstruktion ist zwar logisch hergeleitet, dient aber primär dazu, die eigene liberale Agenda gegen autoritäre Tendenzen abzusichern.

Die Stärke des Newsletters liegt in der scharfen Sezierung politischer Versprechen und der Forderung nach einer neuen Form der politischen Bildung, die über Institutionenkunde hinausgeht. Kritisch zu sehen ist jedoch die fast schon elitäre Herablassung, mit der komplexe Wahlentscheidungen auf ein mangelndes Verständnis von Systemtheorie reduziert werden. Brock agiert hier als die von ihm selbst beschriebene „ungeliebte Kassandra“, die zwar kluge Warnungen ausspricht, dabei aber die politische Wirkmacht von Narrativen und Identität unterschätzt. Der Text ist vor allem für Leser:innen lesenswert, die eine intellektuelle Untermauerung ihrer Kritik an populistischer Wirtschaftspolitik suchen und Freude an der Verknüpfung von Naturwissenschaften mit politischer Theorie haben.