In dieser Spezialausgabe von Table Today, aufgezeichnet auf dem Wirtschaftsforum NEU DENKEN in Palma de Mallorca, spricht Michael Bröcker mit zwei Gästen, die Deutschlands Zukunft aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Ann-Kristin Achleitner, Professorin und stellvertretende Vorsitzende des Innovationsbeirats im Bundesfinanzministerium, setzt auf konstruktiven Optimismus: Die Zutaten für ein Comeback seien vorhanden – von der Hightech-Agenda über Quantentechnologie bis zur agentischen KI –, sie müssten nur konsequenter zusammengeführt werden. Torsten Toeller, Gründer der Tierbedarfskette Fressnapf, wählt einen schärferen Ton und beschreibt ein Land, das sich an ein „Märchen vom anstrengungslosen Wohlstand" gewöhnt habe. Beide Gespräche kreisen um die Frage, woran der Umschwung hakt – und wer dafür Verantwortung trägt.

Zentrale Punkte

  • Kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem Achleitner beschreibe den sogenannten Akrasie-Effekt: Politik und Wirtschaft seien sich bei Innovationen weitgehend einig, doch an der praktischen Umsetzung scheitere es. Es fehle eine gemeinsame Strategie, auf welche Schlüsseltechnologien Deutschland setzen wolle, und der politische Wille zur Weltspitze.
  • Wohlstand als Produkt von Arbeit statt Umverteilung Toeller zeichne das Bild einer Gesellschaft, die Wohlstand nicht mehr als Ergebnis von Anstrengung begreife, sondern als staatliche Leistung einfordere. Dieses Mindset müsse sich ändern – die Menschen bräuchten eine ehrliche Ansage, dass ein Comeback Opfer verlange, sonst bleibe die Angst vor der Zukunft.
  • Der Staat als zentraler Bremsklotz Beide Gäste sähen überbordende Bürokratie als Wachstumshemmnis. Toeller beziffere den Effekt konkret an seinem Unternehmen und fordere, dass Verordnungen entweder richtig und dann für alle gälten – oder falsch und dann ganz abgeschafft werden müssten. Achleitner ergänze, Verschlankung sei auch innerhalb großer Unternehmen nötig.

Einordnung

Die Episode liefert zwei dichte Gespräche mit informierten Stimmen, die unterschiedliche Tonlagen anschlagen: Achleitner argumentiert differenziert, nennt konkrete Beispiele gelungener Innovationsförderung – etwa das Zusammenspiel von TUM, bayerischer Landespolitik und privatem Engagement – und bleibt trotz ihres Optimismus selbstkritisch. Toeller ergänzt den unternehmerischen Blick aus dem Mittelstand mit präzisen Kostenargumenten und unternehmerischer Ungeduld. Beide zusammen zeichnen ein facettenreiches Bild der Reformbaustellen.

Allerdings bewegt sich die Diskussion durchgehend in einer unternehmerischen Perspektive, die Wettbewerbsfähigkeit als unhinterfragten Maßstab setzt. Der Staat erscheint fast ausschließlich als Hemmnis, kaum als Ermöglicher – obwohl Achleitners eigenes Erfolgsbeispiel ohne staatliche Weichenstellung nicht denkbar gewesen wäre. Toellers Rhetorik vom „anstrengungslosen Wohlstand" moralisiert strukturelle Verteilungsfragen und individualisiert, was auch politisch gestaltbar wäre. Seine Ausführungen zur sogenannten Brandmauer-Debatte wischen den Diskurs über die AfD mit dem Argument beiseite, die Ausgrenzung mache die Partei nur stärker – er übergeht damit die Frage, unter welchen Bedingungen eine Normalisierung rechtspopulistischer Positionen stattfindet. Arbeitnehmer:innenperspektiven oder gewerkschaftliche Stimmen fehlen in beiden Gesprächen vollständig.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie Wirtschaftseliten derzeit über Deutschlands Reformfähigkeit denken – und wo die blinden Flecken dieser Debatte liegen.

Sprecher:innen

  • Ann-Kristin Achleitner – Professorin an der TU München, Vize-Vorsitzende des Innovationsbeirats im Bundesfinanzministerium
  • Torsten Toeller – Gründer und Mehrheitseigentümer der Tierbedarfskette Fressnapf
  • Michael Bröcker – Chefredakteur von Table Briefings, Moderator