In dieser Episode von „Apokalypse und Filterkaffee – Heimspiel“ spricht Wolfgang Heim mit der Politikwissenschaftlerin Jana Puglierin über Europas Sicherheitslage. Das Gespräch bewegt sich zwischen nüchterner Bedrohungsanalyse und bewusster Abkehr vom öffentlichen Fatalismus. Puglierin zeichnet das Bild eines Kontinents, der unter Druck steht – militärisch durch Russland, wirtschaftlich durch den Irankrieg, politisch durch rechte Kräfte und hybride Angriffe. Sie beschreibt Deutschland als unfreiwilligen sicherheitspolitischen Riesen, dessen neue Rolle bei Partnern wie Schweden auf Hoffnung, bei Frankreich und Polen jedoch auf Skepsis stoße. Durchgängig wird die Prämisse gesetzt, dass Abschreckung und militärische Stärke alternativlos seien, um schlimmere Eskalationen zu verhindern – eine Annahme, die kaum hinterfragt wird. Puglierin selbst positioniert sich mehrfach gegen das, was sie als lähmende „Endzeitstimmung“ wahrnimmt, und plädiert für einen pragmatischen Optimismus, der die eigenen Handlungsmöglichkeiten betont.
Zentrale Punkte
- Schwedens neuer Blick auf Deutschland Schweden sehe Deutschland nicht als Bedrohung, sondern fürchte eher, dass Deutschland bei der Aufrüstung „auf halber Strecke“ einknicke. Anders als Frankreich oder Polen, wo Skepsis gegenüber einer zu dominanten deutschen Militärmacht bestehe, wünsche man sich dort ein starkes und durchhaltefähiges Deutschland als Anlehnungspartner nach der transatlantischen Ernüchterung.
- Kein festes Datum für Russlands nächsten Krieg Die vielzitierte Jahreszahl 2029 für einen möglichen russischen Angriff sei unseriös, da Geheimdiensteinschätzungen stark schwankten. Entscheidend sei die reale Gefahr einer Eskalation, nicht ein fixes Datum. Puglierin warne vor der Suggestion, ein Krieg sei unausweichlich, bestehe aber darauf, dass das „Worst Case Szenario“ zur glaubwürdigen Abschreckung mitgedacht werden müsse.
- Der Iran-Krieg als vermeidbare Falle Der US-geführte Krieg gegen den Iran sei ein „War of Choice“ gewesen, der das Regime nicht geschwächt, sondern gestärkt habe. Die nun von Iran genutzte Blockade der Straße von Hormus sei ein so wirksames Druckmittel, dass selbst die militärisch überlegenen USA kaum ohne langfristige Besetzung des Landes reagieren könnten – ein Szenario, für das es innenpolitisch keine Mehrheiten gebe.
- Hybride Kriegsführung als unterschätzte Gefahr Die Verwundbarkeit offener Gesellschaften durch Desinformation, Angriffe auf kritische Infrastruktur und Einflussnahme auf Diskurse mache Puglierin mehr Sorgen als die rein militärische Bedrohung. Deutschland tue zu wenig für zivile Resilienz, während ausländische Mächte gezielt die „Katastrophenstimmung“ im Inland ausnutzten, um die Gesellschaft zu spalten.
Einordnung
Das Gespräch lebt von Puglierins Fähigkeit, sicherheitspolitische Komplexität verständlich zu machen und eigene Wissensgrenzen klar zu benennen – etwa beim Iran. Sie differenziert konsequent zwischen belegbaren Entwicklungen und bloßen Möglichkeiten und tritt dem verbreiteten Alarmismus mit einer reflektierten Gelassenheit entgegen, ohne die Gefahren kleinzureden. Positiv ist, dass sie die oft übersehene schwedische Perspektive einbringt und das Wechselspiel von militärischer und innerer Sicherheit adressiert.
Dem stehen einige Leerstellen gegenüber. Die Notwendigkeit massiver Aufrüstung wird als scheinbar alternativlose Antwort auf äußere Bedrohung präsentiert – zivile Konfliktlösungsansätze oder Rüstungskontrollinitiativen bleiben unerwähnt. Die ständige Mahnung, nicht in Fatalismus zu verfallen, bleibt merkwürdig allgemein: Sie ruft dazu auf, die Demokratie zu bewahren, ohne die konkreten politischen Bedingungen zu benennen, die den Aufstieg demokratiefeindlicher Kräfte begünstigen. Russlands Rolle bei der Stärkung der AfD wird eher als opportunistisches Ausnutzen einer diffusen „Stimmung“ beschrieben, nicht als strategische Allianz, die man offensiv enttarnen müsste. Woher die strukturellen Probleme – etwa die Bürokratie bei der Bundeswehr – eigentlich rühren, bleibt ebenso ausgeklammert wie die Frage, wer die enormen Kosten der Aufrüstung letztlich trägt.
Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich die Kategorie „Stärke“ als zentraler Maßstab für politisches Handeln fungiert: „Wir müssen das schaffen“, lautet das Mantra gegenüber dem Ukrainekrieg. Die Überzeugung, dass Nicht-Unterstützen immer teurer käme als Durchhalten, wird als evident vorausgesetzt, ohne dass ein „für uns nicht akzeptables Ergebnis“ je konkret durchdekliniert würde. Dies verleiht der ansonsten nuancierten Analyse einen bisweilen appellhaften Charakter.
Puglierins Satz über die schwedische Sicht illustriert die Verschiebung des Diskurses: „Unsere Sorge ist eher, dass ihr nicht so einen langen Atem habt und auf halber Strecke aufhört oder einknickt.“ Hier wird die deutsche Aufrüstung nicht mehr als Gefahr, sondern als erwünschter Beitrag zur europäischen Sicherheit verhandelt – das alte Unbehagen mit deutscher Militärmacht wird durch die Angst vor deutscher Unzuverlässigkeit ersetzt.
Hörempfehlung: Wer einen kühlen, informierten Blick auf die Sicherheitslage sucht, jenseits von Panikmache und naivem Optimismus, findet hier ein ausgewogenes und faktenreiches Gespräch mit einer Expertin, die ihre Grenzen kennt.
Sprecher:innen
- Wolfgang Heim – Host, Journalist, ehemaliger Radiomoderator mit langer Interviewerfahrung
- Jana Puglierin – Politikwissenschaftlerin, Leiterin ECFR Berlin, Autorin von „Wer verteidigt Europa?“