Nach dem bundesweiten Stillstand des Bahnverkehrs durch einen Softwarefehler und neuen Hiobsbotschaften zu Stuttgart 21 befragte der Verkehrsausschuss die Bahnchefin. Der Ausschussvorsitzende Tarek Al-Wazir spricht im Anschluss über die Sitzung. Im Gespräch wird die Bahn als ein zutiefst marodes System beschrieben, das auf Verschleiß gefahren sei und unter jahrzehntelangen politischen Fehlentscheidungen leide. Die strukturellen Ursachen – schrumpfende Netze, wachsende Nachfrage, veraltete Technik – dienten als zentrale Erklärung für die aktuelle Misere. Das Scheitern großer Projekte wird dabei als fast zwangsläufige Folge politischer Überformung dargestellt.

Zentrale Punkte

  • Verschleiß als Systemprinzip Das Schienennetz sei seit 30 Jahren auf Verschleiß gefahren worden, während das Straßennetz gewachsen sei. Gleichzeitig habe die Zahl der Züge um 80 Prozent zugenommen. Dieses Missverhältnis aus schrumpfender Infrastruktur und steigender Nutzung führe zwangsläufig zu Störungen, der aktuelle Funkausfall sei nur die „Kirsche auf der Torte“.
  • Stuttgart 21 als politische Katastrophe Das Projekt sei von CDU-Politikern gegen den Willen der Bahn durchgesetzt worden, ursprünglich getrieben von Immobilieninteressen der Stadt. Die Kostenexplosion auf über 11 Milliarden Euro sei verheerend – das Geld fehle anderswo, etwa für undichte Bahnsteigdächer in der ganzen Republik. Ein Abbruch sei inzwischen unmöglich, da man wie beim startenden Flugzeug nicht mehr bremsen könne.
  • Fehlende Priorisierung lähmt den Ausbau Für 57 Neu- und Ausbauprojekte stünden 180 Milliarden Euro an, aber nur 2,5 Milliarden pro Jahr im Haushalt. Es gebe keine formale Prioritätenliste, stattdessen werde an allem „ein bisschen geplant“. Österreich zeige mit verbindlichen Sechs-Jahres-Plänen, wie eine Einigung zwischen Bahn, Ministerium und Parlament funktionieren könne.

Einordnung

Das Gespräch liefert eine differenzierte Darstellung der strukturellen Bahnprobleme, die über tagesaktuelle Empörung hinausgeht. Tarek Al-Wazir argumentiert aus einer Mischung aus Insiderkenntnis und politischer Verantwortung – er benennt sowohl Versäumnisse der Bahn (mangelhafte Projektsteuerung bei Stuttgart 21) als auch der Politik (Unterfinanzierung, fehlende Priorisierung). Die persönliche Offenheit, mit der er das Scheitern eingesteht, und die Bereitschaft, auch die eigene Partei historisch als Projektgegnerin zu verorten, geben dem Gespräch Substanz.

Auffällig ist, dass das Bahn-Management als Gesprächspartnerin fehlt – Aussagen von Evelyn Palla werden nur indirekt referiert. Die Darstellung des Scheiterns als unausweichlich („wie im Flugzeug, wo sie abheben müssen, selbst wenn das Triebwerk ausfällt“) blendet aus, dass zu verschiedenen Zeitpunkten alternative politische Entscheidungen möglich gewesen wären. Zudem bleibt das ökonomische Grundverständnis, dass die Bahn trotz Bundesbesitz „eigenwirtschaftlich“ handeln soll, unhinterfragt – eine Rahmung, die den Investitionsstau mitverursacht haben könnte. Die sprachliche Dramatisierung des Komplettausfalls als „Lockdown“ bei der Bahn übernimmt dabei eine Begrifflichkeit, die Nähe zur Krisenrhetorik der Pandemiezeit herstellt.