Während Russland mit dem erstmaligen Einsatz der Oreschnik-Rakete auf Kyjiw militärisch eskaliert, besucht der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umjerow Berlin, um eine neue Verhandlungsbasis mit europäischen Partnern zu schaffen. In dieser Ausgabe des Security Updates analysiert Gordon Repinski mit dem Sicherheitsexperten Nico Lange die aktuelle Lage als eine Momentaufnahme, in der sich die Dinge an der Front „ein wenig zugunsten der Ukraine verschieben". Als selbstverständlich wird dabei vorausgesetzt, dass militärische Stärke und Momentum die Grundvoraussetzung für erfolgreiche Diplomatie sind – und dass die Ukraine ihre Verhandlungsbereitschaft ständig unter Beweis stellen muss, während Russlands Eskalation als Zeichen der Schwäche interpretiert wird.
Zentrale Punkte
- Ukraine mit neuem militärischen Momentum Die Ukraine habe an mehreren Frontabschnitten eine Drohnenüberlegenheit erlangt und führe erfolgreiche Tiefenschläge gegen russische Ölterminals durch, so Lange. Putins neue Angriffswelle auf Kiew diene vor allem dazu, den Eindruck von Stärke zu erzeugen, da Russland de facto militärisch ins Stocken geraten sei und weniger Soldaten rekrutiere, als es verliere.
- Neue ukrainisch-europäische Verhandlungsinitiative Nach dem Rückzug der USA versuche die Ukraine, sich als aktives Subjekt in eigenen Verhandlungsformaten zu positionieren, so Lange. Der Besuch Umerows knüpfe an das frühere Normandie-Format an; die Botschaft sei, dass man zu einem bedingungslosen Waffenstillstand bereit sei, aber keine Verhandlungen über die Ukraine ohne die Ukraine akzeptiere.
- Konkrete Bedarfe statt diplomatischer Sololäufe Um das Momentum zu halten, brauche die Ukraine Unterstützung bei Angriffen auf gehärtete Ziele in Russland und Hilfe bei der zerstörten Energieinfrastruktur, betont Lange. Was sie nicht brauche, seien Europäer:innen, die meinten, „wir müssen jetzt mal zu Putin fahren, uns Putins Forderungen anhören und dann den Ukrainern Putins Forderungen überbringen".
Einordnung
Das Gespräch liefert eine dichte und kenntnisreiche militärstrategische Lagebeurteilung. Nico Langes Darstellung der Frontentwicklung ist detailliert und nachvollziehbar, die Verbindung von taktischen Details – etwa den ausgeschalteten russischen Radarsystemen – mit strategischen Schlussfolgerungen ist eine Stärke dieser Episode. Lobenswert ist auch der differenzierte Blick auf die ukrainischen Erfolge, die Lange nicht überhöht, sondern als fragiles Momentum beschreibt, das unterstützt werden müsse. Seine Forderungen nach Energiehilfe und Industriepartnerschaften setzen zudem einen pragmatischen Akzent jenseits der üblichen Taurus-Debatte.
Die Analyse bleibt jedoch in einer sicherheitspolitischen Denkweise verhaftet, die eigene Prämissen kaum hinterfragt. Die Darstellung, dass militärisches Momentum die Voraussetzung für diplomatischen Erfolg sei, wird als gegeben gesetzt, ohne zu erörtern, dass auch ein militärischer Stillstand fruchtbare Diplomatie erzwingen könnte. Alternative diplomatische Wege, etwa Gespräche unter Einbeziehung von Akteuren außerhalb Europas, werden nicht diskutiert. Die politischen Kosten einer weiteren Aufrüstung und Konfliktverlängerung für die Ukraine oder Europa – etwa gesellschaftliche Kriegsmüdigkeit – bleiben ausgeblendet. Der Appell, der Ukraine müsse man „jetzt die Instrumente zu geben", zeigt eine rein technokratische Logik, die die Frage nach der politischen Kontrolle dieser Waffen nicht stellt.