Apokalypse & Filterkaffee: Presseklub: Wechselt die Scham die Seite?
Analyse zur Debatte um digitale sexualisierte Gewalt, den Fall Fernandes/Ulmen und strukturellen Sexismus.
Apokalypse & Filterkaffee
57 min read3666 min audioIn dieser Episode des „Presseklub“-Formats diskutiert Markus Feldenkirchen mit drei Journalistinnen über männliche Gewalt gegen Frauen, ausgelöst durch die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen sowie den Fall Gisèle Pelicot. Der Diskurs bewegt sich im stetigen Spannungsfeld zwischen struktureller Gesellschaftskritik und juristischer Unschuldsvermutung.
Während digitale und physische Gewaltformen von Teilen des Panels primär als Ausdruck eines systemischen Kontrollbedürfnisses und als Machtinstrument verhandelt werden, wird von juristischer Seite debattiert, ab wann eine mediale Vorverurteilung stattfinde. Als selbstverständlich wird in weiten Teilen der Debatte die Prämisse gesetzt, dass das juristische System allein oft nicht ausreiche, um tatsächliche gesellschaftliche Machtverhältnisse und Gewalterfahrungen adäquat abzubilden. Ein kurzer sicherheitspolitischer Exkurs zur US-Politik am Ende der Episode rahmt europäische Aufrüstung schließlich als unhinterfragte Notwendigkeit.
### Zentrale Punkte
* **Strukturelle Dimension von Gewalt**
Gewalt gegen Frauen sei kein individuelles Randphänomen, sondern basiere auf gesellschaftlichen Machtstrukturen. Digitale Übergriffe würden dabei oft verharmlost und rechtlich unzureichend erfasst.
* **Grenzen medialer Verurteilung**
Trotz drastischer Vorwürfe müsse die juristische Unschuldsvermutung gelten. Es bestehe die Gefahr, dass öffentliche Empörung zu Disbalancen führe und alltägliche, physische Gewaltfälle überlagere.
* **Emanzipation aus der Opferrolle**
Betroffene wie Fernandes oder Pelicot holten sich durch den Gang in die Öffentlichkeit die Deutungshoheit über ihre Geschichten zurück. Dies durchbreche das traditionelle Bild des passiven Opfers.
* **Männliche Verantwortungsübernahme**
Öffentliche Distanzierungen von beschuldigten Männern durch deren Freunde reichten nicht aus. Vielmehr sei eine aktive Auseinandersetzung und Reflexion des eigenen männlichen Umfelds zwingend erforderlich.
### Einordnung
Die Episode besticht durch die konzeptionelle Reibung zwischen den Gästen: Während Schwarz und Sandberg eine fundierte systemische Perspektive einnehmen, pocht Sayram auf rechtliche Nüchternheit. Diese bewusste Multiperspektivität verhindert eine eindimensionale Debatte. Kritisch zu beobachten ist jedoch, wie juristische Definitionen diskursiv genutzt werden, um Gewalterfahrungen zu kategorisieren. Wenn Sayram digitale Übergriffe indirekt physischen Taten gegenüberstellt und fragt, *„wieso redet man denn aber nicht über diese realen Vergewaltigungen“*, konstruiert sie sprachlich eine klare Hierarchie des Leids, die digitale Gewalt abwertet. Der abrupte Themenwechsel zu Donald Trump und der NATO am Ende wirkt nicht nur deplatziert, sondern wechselt nahtlos in einen hegemonialen Sicherheitsdiskurs: Hier wird das Narrativ der zwingenden militärischen Aufrüstung Europas als alternativlose Realität präsentiert, ohne dies politisch einzuordnen.
**Hörempfehlung**: Empfehlenswert für alle, die nachvollziehen möchten, wie der Konflikt zwischen feministischer Strukturkritik und juristischer Unschuldsvermutung aktuell medial ausgehandelt wird.
### Sprecher:innen
* **Markus Feldenkirchen** – Spiegel-Autor und Moderator
* **Britta Sandberg** – Spiegel-Korrespondentin mit Fokus auf den Pelicot-Prozess
* **Carolina Schwarz** – taz-Ressortleiterin, Expertin für sexualisierte Gewalt
* **Iris Sayram** – ARD-Korrespondentin und Juristin