In dieser Episode des OMR-Podcasts spricht Philipp Westermeyer mit Jan Goetz, Mitgründer des deutsch-finnischen Quantencomputer-Herstellers IQM. Das Gespräch zeigt den Spagat eines Physikers, der zwischen wissenschaftlichem Anspruch und unternehmerischem Ehrgeiz eine Firma aufbauen will, die mit Konzernen wie Google und IBM konkurriert.
Goetz versuche, die komplexe Welt des Quantencomputings für Investor:innen und Normalnutzer:innen verständlich zu machen, ohne die technische Tiefe zu verlieren. Das Gespräch ist dabei vor allem von einer ökonomischen und geopolitischen Logik geprägt: Technologischer Fortschritt wird als Wettlauf um Souveränität und Marktanteile dargestellt, bei dem Europa gegenüber den USA drohe, zurückzufallen. Gesellschaftliche Fragen, etwa wer die Kontrolle über diese potenziell weltverändernde Rechenmacht hat, werden in diesem Rahmen kaum gestellt.
Zentrale Punkte
- Quantencomputer als ergänzende Spezialisten Quantencomputer seien keine Konkurrenz zur KI, sondern ein Werkzeug für eine bestimmte Klasse extrem komplexer Probleme, etwa die Simulation molekularer Prozesse. KI löse statistisch, Quantencomputer dagegen analytisch. In Zukunft, so die Vorstellung, sollen beide Technologien orchestriert in Rechenzentren zusammenarbeiten, wobei eine Software die jeweils passende Recheneinheit ansteuere.
- Das Rennen gegen die Verschlüsselung Ein ausreichend großer Quantencomputer könne die heute übliche RSA-Verschlüsselung und damit potenziell alle derzeitigen digitalen Daten knacken – auch den Bitcoin. Dies sei weniger eine Hilfe als eine existenzielle Bedrohung für die digitale Sicherheit, auf die Banken, Regierungen und Versicherungen jetzt schon mit der Entwicklung quantensicherer Verschlüsselung reagieren müssten.
- Der strategische Aufbau einer europäischen Alternative IQM habe sich gegen einen Verkauf an große Tech-Konzerne entschieden und strebt stattdessen den Börsengang an. Dahinter stehe die Absicht, ein unabhängiges, global wettbewerbsfähiges Tech-Unternehmen aus Europa aufzubauen und damit zu verhindern, dass auch dieser Zukunftsmarkt komplett von US-Firmen dominiert wird. Der Börsengang sei dabei ein Qualitätssiegel für vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen.
- Umsatz heute durch Vorbereitung auf morgen Die Firma mache bereits mehrere Millionen Euro Umsatz und habe seine Systeme in vier der zehn weltweit leistungsstärksten Rechenzentren verbaut. Der eigentliche wirtschaftliche Nutzen für Kund:innen sei aber noch Zukunftsmusik. Unternehmen wie Siemens und Volkswagen kauften heute vor allem, um Know-how aufzubauen und sich auf die Technologie vorzubereiten – ein Wettbewerbsvorteil, der an den KI-Hype der letzten Jahre erinnere.
Einordnung
Das Gespräch lebt von der Fähigkeit Jan Goetz', ein enorm komplexes Feld in eine verständliche Sprache zu übersetzen und mit greifbaren Beispielen zu versehen. Die Unterscheidung zwischen KI und Quantencomputer etwa gelingt ihm mit dem plastischen Vergleich der mathematischen Lösungswege. Auch die offene Darstellung des Geschäftsmodells – das Problem, einen Markt zu bedienen, der im Grunde noch gar nicht existiert – schafft Glaubwürdigkeit. Philipp Westermeyer hakt als Laie klug nach und stellt durch einfache, wiederholte Fragen sicher, dass das Gesagte nicht in technokratischen Phrasen verharrt.
Die Episode bleibt jedoch ungeprüft in einer Denkweise verfangen, die Technologieentwicklung fast ausschließlich als wirtschaftlichen und geopolitischen Wettstreit begreift. Die Notwendigkeit, dass Europa bei dieser Technologie aufhole und einen eigenen Champion brauche, wird als unausgesprochener Konsens gesetzt, ohne etwa die Möglichkeit einer stärkeren internationalen Regulierung oder Forschungskooperation zu bedenken. Gesellschaftspolitische Fragen – Wer legt die Rechenaufgaben fest? Wem gehört die so erzeugte „Wahrheit"? – bleiben ebenso außen vor wie ein kritischer Blick auf das eigene Narrativ vom „Wettrüsten" in der Verschlüsselung. In diesem Punkt wird eine technikdeterministische Sichtweise nie verlassen, wie sich in Goetz' Aussage zeigt: „[...] das ist ein Wettrüsten, aber es ist ein Wettrüsten, wo man sich jetzt schon drauf vorbereiten muss."
Hörempfehlung: Eine lohnende Folge für alle, die einen verständlichen Einstieg ins Quantencomputing suchen und verstehen wollen, warum etablierte Firmen jetzt schon in die Technik investieren – mitzudenken ist ein kritischer Blick auf die geopolitischen und geschäftlichen Rahmungen.
Sprecher:innen
- Philipp Westermeyer – Moderator und Gründer von OMR
- Jan Goetz – CEO und Mitgründer von IQM Quantum Computers