Deutschland im globalen Wettlauf um künstliche Intelligenz: Maybrit Illner fragt, ob das Land nach Jahren der Digitalisierungsversäumnisse jetzt den Anschluss an die KI-Entwicklung schaffen könne – oder ob der Kampf längst entschieden sei. Die Diskussion dreht sich vor allem um wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit. Die Gäste sehen darin auch eine grundsätzliche Frage von Souveränität und Macht.
Die Runde setzt auf einen Blick, der von der Überzeugung getragen ist, dass nur wirtschaftlicher Erfolg und eigene große Tech-Unternehmen Unabhängigkeit von den USA und China bringen können. Gesellschaftliche oder ethische Fragen kommen zwar zur Sprache, werden aber immer wieder von dieser wirtschaftlichen Logik überlagert.
Zentrale Punkte
- Exzellente Forschung, scheiternde Unternehmen Die KI-Forschung in Deutschland sei Weltspitze, doch das Wissen werde kaum in erfolgreiche Geschäftsmodelle überführt. Sascha Lobo argumentiere, Talente und Erfindungen wanderten ab, weil in Europa der Nährboden für große Digitalkonzerne fehle und zu viel auf Regulierung statt auf wirtschaftlichen Erfolg gesetzt werde.
- Abhängigkeit als Systemrisiko Deutschland und Europa seien in allen Lebensbereichen maximal von US-Digitalkonzernen abhängig. Sarah Tacke vergleiche diese Abhängigkeit mit jener von Banken als systemrelevant. Die bestehende Gefahr werde durch KI noch potenziert, etwa durch Modelle, die ganze Infrastrukturen lahmlegen könnten.
- Chance durch angewandte KI Janette zu Fürstenberg und Ranga Yogeshwar betonten, dass KI nicht wie frühere Internet-Technologien auf große, homogene Märkte angewiesen sei. Deutschland könne seine Stärken in der industriellen Anwendung ausspielen. KI könne zudem den Fachkräftemangel lindern, indem sie Programmiertätigkeiten automatisiere, sodass es weniger Spezialist:innen, sondern vor allem „klar denkende Menschen“ brauche.
- Staat als strategischer Ankerkunde Karsten Wildberger sehe den Staat in einer neuen Rolle als strategischen Auftraggeber für KI-Unternehmen, ähnlich wie in den USA. Über angepasste Ausschreibungen und Rahmenverträge solle eine eigene leistungsfähige Digitalwirtschaft entstehen. Die Bundesregierung leiste hier bereits bessere Arbeit als ihre Vorgängerin, so die einhellige Meinung der Gäste.
Einordnung
Die Sendung macht ein zentrales Spannungsfeld sichtbar: Den Widerspruch zwischen dem geäußerten Willen, technologisch aufzuholen, und einer tief empfundenen Abhängigkeit. Besonders Sarah Tacke und Ranga Yogeshwar gelingt es, die Risiken dieser Abhängigkeit und die möglichen gesellschaftlichen Verwerfungen durch KI zu benennen. Die unterschiedlichen beruflichen Hintergründe der Gäste sorgen für eine gewisse Perspektivenvielfalt innerhalb eines wirtschaftsnahen Spektrums, und mit dem Verweis auf Initiativen wie die Open-Source-Verwaltung Schleswig-Holsteins oder die Fusion von Aleph Alpha mit Cohere werden auch konkrete Handlungsoptionen deutlich.
Die Diskussion verbleibt allerdings in einem engen Rahmen. Die unhinterfragte Prämisse lautet: Die richtige Antwort auf die Machtkonzentration bei US-Konzernen sind eigene europäische Tech-Giganten. Staatliches Handeln wird fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbsfähigkeit beurteilt. Regulierung wird, besonders von Sascha Lobo, immer wieder als Hindernis für diesen Erfolg dargestellt – ein Argument, das die Frage vernachlässigt, wie demokratische Kontrolle über eine als „systemrelevant“ anerkannte Branche jenseits von Unternehmensinteressen funktionieren soll. Sarah Tackes Verweise auf Urheberrechtsverletzungen und die Notwendigkeit, dass KI nach gesellschaftlichen Regeln spielen müsse, werden zwar aufgegriffen, aber durch die dominante Erzählung vom nötigen wirtschaftlichen Erfolg oft entschärft. Stimmen aus der Zivilgesellschaft, der nicht-kommerziellen KI-Forschung oder von Arbeitnehmer:innenseite fehlen. So bleibt die Frage, wer die Rahmenbedingungen für eine so tiefgreifende Technologie eigentlich gestalten darf, am Ende auf den Staat als „Ankerkunden“ und die Konzerne selbst beschränkt. Diese Perspektive zeigt sich besonders prägnant in Sascha Lobos Aussage: „Ich glaube, das Wichtigste, um amerikanischen Big Tech Unternehmen etwas entgegenzusetzen, sind europäische Big Tech Unternehmen. Und ich glaube, das ist der einzige sinnvolle Weg, wenn man zwischen den USA und China mittelfristig irgendwie erfolgreich sein möchte aus Europa."
Sprecher:innen
- Maybrit Illner – Moderatorin des Polit-Talks im ZDF
- Karsten Wildberger – Bundesminister für Digitales (CDU), zuvor Manager in der Telekommunikationsbranche
- Ranga Yogeshwar – Wissenschaftsjournalist und Physiker
- Janette zu Fürstenberg – Unternehmerin und Investorin, leitet das Europageschäft von General Catalyst
- Sascha Lobo – Publizist und Digitalexperte
- Sarah Tacke – Leiterin der Abteilung Justiziariat beim ZDF