Cicero Podcasts: Pädagoge Zierer und Cicero-Autor Brodkorb: „Bildung ist, jeden Tag darum zu kämpfen, sich selbst zu überbieten"
Warum der Fokus auf Gleichheit laut Brodkorb und Zierer das Schulsystem ruiniert und wieder mehr Leistung gefordert werden müsse.
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52 min read2908 min audioDer Host Volker Resing spricht mit dem Bildungsforscher Klaus Zierer und dem ehemaligen SPD-Bildungsminister Mathias Brodkorb über die Krise des deutschen Schulsystems. Anlass ist das gemeinsame Buch der Gäste, das eine angebliche „Tyrannei der Gleichheit“ an den Schulen beklagt.
Das Gespräch ist von einer starken Konsenshaltung geprägt: Das deutsche Bildungssystem befinde sich aufgrund mangelnder Leistungsanforderungen im Niedergang. Als selbstverständliche Prämisse dient dabei ein ökonomisch begründeter Leistungsbegriff. Bildung wird in der Diskussion primär als Instrument für die globale Wettbewerbsfähigkeit, technologische Marktführerschaft und den Erhalt des gesellschaftlichen Wohlstandsrahmens verhandelt.
Gleichzeitig wird eine biologische und soziale Ungleichheit der Schüler:innen als unabänderliche Naturgegebenheit vorausgesetzt. Dem Streben nach Ergebnisgleichheit in der aktuellen Bildungspolitik wird im Diskurs die Notwendigkeit einer elitären Spitzenförderung entgegengestellt, die selektieren müsse, anstatt zu nivellieren.
### Zentrale Punkte
* **Gleichheit als bildungspolitischer Fehler**
Die Politik verfolge das falsche Ziel der Ergebnisgleichheit, was unweigerlich zu einer generellen Absenkung des Leistungsniveaus führe, da sich Begabungsunterschiede nicht aufheben ließen.
* **Abkehr von der Wohlfühlpädagogik**
Bildung funktioniere primär über Anstrengung. Die Abschaffung von unangekündigten Tests oder Noten beraube die Schüler:innen der notwendigen Möglichkeit, an schulischem Druck zu wachsen.
* **Determinierung durch Herkunft**
Der familiäre und genetische Hintergrund bestimme maßgeblich den Bildungserfolg. Es sei eine völlig unrealistische Illusion, den schulischen Erfolg komplett von der sozialen Herkunft entkoppeln zu wollen.
* **Ökonomische Notwendigkeit der Selektion**
Deutschlands Rolle auf dem Weltmarkt hänge von technologischer Spitze ab. Diese erfordere intellektuelle Höchstleistungen, weshalb das Schulsystem wieder strenger selektieren und fordern müsse.
### Einordnung
Die Episode liefert eine in sich stringente, argumentativ geschlossene Ausarbeitung einer konservativen Bildungskritik. Die Gäste verzahnen ihre bildungspolitischen und philosophischen Thesen rhetorisch gekonnt. Auffällig ist jedoch, wie komplexe pädagogische Debatten durchgängig auf Kampfbegriffe wie „Gleichheitswahn“, „Akademisierungswahn“ oder „Kuschelpädagogik“ verengt und als negativ normalisiert werden. Die Prämisse, dass Gleichheit und Leistung naturgegebene Gegensätze seien, bleibt unhinterfragt. Stattdessen werden Ungleichheiten stark biologistisch argumentiert. Dabei fließen auch populistische Kulturkampf-Motive beiläufig in die Argumentation ein, um Begrenzungen zu untermauern, etwa wenn Brodkorb die Begabungsschranken damit legitimiert, dass Männer keine Kinder bekommen könnten – „auch wenn das heute inzwischen doch vielleicht ein paar andere anders sehen“. Die Perspektive von Vertretungen moderner Inklusions- oder Reformpädagogik bleibt in diesem reinen Bestätigungsdiskurs völlig ausgeblendet.
### Sprecher:innen
* **Volker Resing** – Moderator und Leiter des Ressorts „Berliner Republik“ beim Cicero
* **Klaus Zierer** – Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg
* **Mathias Brodkorb** – Ehemaliger SPD-Bildungsminister in Mecklenburg-Vorpommern