In der aktuellen Ausgabe von "Le Magazine du week-end" auf France Culture analysiert Oumy Diallo die brisante Beziehung zwischen den USA und Israel. Die Historiker:innen André Kaspi und die Journalistin Lola Ovarlez erklären, warum der bislang unbedingte US-Support bröckelt – und was das für Donald Trumps Außenpolitik bedeutet.

1. Israels Sicherheitselite wendet sich gegen die Gaza-Politik

550 ehemalige Spitzenbeamte des israelischen Sicherheitsapparats hätten in einem offenen Brief an US-Präsident Biden erklärt, der Krieg habe "Israel Sicherheit und Identität" gekostet. Sie seien der Ansicht, die beiden militärischen Ziele seien längst erreicht, nur die Geiselfreilassung sei noch offen – und nur über eine politische Lösung möglich.

2. Erste republikanische Abgeordnete spricht von "Völkermord"

Marjorie Taylor Greene, bislang unerschütterliche MAGA-Hardlinerin, habe Israels Vorgehen in Gaza erstmals als "genocide" bezeichnet. Laut Ovarlez zeige sich hier eine tiefe Spaltung in der republikanischen Basis: Während evangelikale Hardliner weiterhin bedingungslos hinter Israel stünden, wächsen bei isolationistischen Kräften die Zweifel an "kostspieligen und nutzlosen Kriegen".

3. Die USA waren nicht immer Israels wichtigster Partner

Bis 1967 sei Frankreich der Hauptunterstützer Israels gewesen, erklärt Kaspi. Erst nach de Gaulles scharfer Kritik an Israels Politik – der Historiker zitiert dessen Worte, dass Juden von einem "Volk der Elite" zu einem "erobernden Volk" werden könnten – habe sich die Allianz mit Washington zugespitzt.

4. Evangelikale als Machtfaktor

Mit 91 Millionen US-Evangelikalen, die aus endzeitlicher Überzeugung Israel unterstützen, habe eine Gruppe das Feld weitgehend dominiert. Kaspi stellt die brisante Frage: "Haben Juden recht, sich mit Evangelikalen zu verbünden, die letztlich an deren Konversion glauben?"

5. US-Verhandlungsstrategie: "Israels Anwalt" spielen

Der ehemalige US-Unterhändler Aaron David Miller gesteht im Interview: "Wenn ehrlicher Makler bedeutet, in der Mitte zu stehen – das waren die USA selten." Die US-Strategie sei stets gewesen, mit Israel abzustimmen und das Ergebnis dann den Palästinensern zu verkaufen.

6. Zukunft des US-Supports fraglich

Kaspi prognostiziert: Netanyahu-Politik sei "nicht nachhaltig". Die Frage bleibe, was mit den Gaza-Palästinensern geschehe – weder Jordanien noch Ägypten wolle sie aufnehmen. Möglicherweise würden künftige US-Administrationen militäre Hilfe an Bedingungen knüpfen.

Einordnung

Die Sendung bietet eine seltene Doppelperspektive: Während Historiker Kaspi die historischen Brüche und strategischen Interessen nüchtern analysiert, liefert Ovarlez aktuelle Einblicke in die wachsenden Risse innerhalb der US-Rechten. Besonders bemerkenswert: Die Moderation gelingt es, ohne parteipolitische Wertung die komplexen Machtverhältnisse zwischen evangelikalen Fundamentalisten, jüdischer Diaspora und republikanischer Isolationisten zu entfalten. Die klare Benennung des US-amerikanischen Lobby-Systems als transparente Einflussnahme – im Gegensatz zum europäischen Lobby-Vorurteil – hebt die journalistische Qualität. Kritisch anzumerken: Palästinensische Stimmen fehlen vollständig, was die Analyse zwar nicht entwertet, aber die Perspektivenvielfalt einschränkt. Die Sendung liefert keine verschwörungstheoretischen Inhalte, sondern entlarvt vielmehr die realpolitischen Kalküle hinter moralischen Fassaden.

Hörempfehlung: Wer die geopolitischen Risse hinter Israels US-Allianz verstehen will, erhält hier fundierte historische Einordnung und aktuelle Analysen – trotz fehlender palästinensischer Stimmen eine lohnenswerte Stunde.