In diesem Gespräch mit Militäranalyst Franz-Stefan Gady geht es vordergründig um die jüngsten russischen Angriffe auf Kiew. Gady analysiert die militärische Lage, ordnet die russischen Drohungen ein und spricht über sein neues Buch. Das Gespräch wird dabei über weite Strecken von einer sicherheitspolitischen Logik getragen, in der militärische Stärke und konventionelle Abschreckung als zentrale, kaum zu hinterfragende Antworten auf die russische Bedrohung erscheinen. Als selbstverständlich gesetzt wird, dass Europas Sicherheit primär durch Aufrüstung und die Fähigkeit zur Kriegsführung gewährleistet werde und dass ein Dialog mit Russland zwar wünschenswert, aber stets auf dieser militärischen Basis aufbauen müsse.
Zentrale Punkte
- Luftkrieg als Kompensation Russland verlagere den Schwerpunkt zunehmend auf den Luftkrieg, da die Bodenoffensive im Donbass kaum Fortschritte mache und die Verluste hoch seien. Die Angriffe auf Kiew dienten auch der psychologischen Kriegsführung, um die Verwundbarkeit der ukrainischen Hauptstadt gegenüber internationalen Partnern zu demonstrieren.
- Deutschland als verwundbare Drehscheibe In einem NATO-Russland-Krieg wäre Deutschland als strategische Tiefe des Bündnisses ein erstes Ziel. Mit einer vergleichsweise geringen Zahl an Drohnen, Raketen und Sabotageakten könne Russland die „Drehscheibe Deutschland“ lahmlegen und so alliierte Nachschubwege kappen, bevor sie die Ostflanke erreichen.
- Gefahr nach einem Waffenstillstand Die größte Gefahr für eine direkte Konfrontation mit der NATO sieht Gady in einem „Verwundbarkeitsfenster“ direkt nach einem möglichen Waffenstillstand in der Ukraine. In dieser Zeit sei die relative militärische Stärke Russlands größer, bevor die europäische Aufrüstung voll wirksam werde.
Einordnung
Die Episode liefert eine nüchterne und fachlich fundierte militärstrategische Analyse. Gady kann komplexe Zusammenhänge – etwa die Logik hinter russischen Angriffen oder die Rolle von Infrastruktur in einem Krieg – klar darstellen und vermeidet Alarmismus, indem er betont, dass eine erhöhte Kriegsgefahr nicht automatisch einen Krieg bedeutet. Die Moderatorin lässt ihm viel Raum für seine Argumentation und stellt kritische Nachfragen, etwa zu den schwachen diplomatischen Signalen oder der mangelnden Debatte in Deutschland.
Kritisch bleibt, dass das Gespräch fast vollständig im sicherheitspolitischen Rahmen verbleibt. Die Logik der Aufrüstung und der militärischen Abschreckung wird als alternativlos präsentiert, während zivile Konfliktlösungsstrategien oder eine Betrachtung der ökonomischen und sozialen Kriegsfolgen kaum vorkommen. Das gezeichnete Zukunftsszenario eines NATO-Russland-Krieges wirkt argumentativ geschlossen, blendet aber die Perspektive aus, dass solch detaillierte Kriegsszenarien selbst zu einer Eskalationsspirale der Erwartungen beitragen können. Wenn Gady sagt, das einzige Instrument, das Russland nach diesem Krieg bleibe, seien die Streitkräfte – „wenn die Streitkräfte der Hammer sind, dann sind plötzlich alle Probleme der internationalen Politik für Russland ein Nagel“ –, dann offenbart dies eine äußerst pessimistische und festgefahrene Sicht auf das Handlungsspektrum beider Seiten.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine fachkundige, detaillierte und unaufgeregte militärstrategische Einordnung suchen, bietet die Episode einen echten Mehrwert.
Sprecher:innen
- Kati Schneider – Moderatorin des F.A.Z. Podcasts für Deutschland
- Franz-Stefan Gady – Militäranalyst und Autor des Buchs „Überfall – Wenn der Krieg zu uns kommt“