treibhaus - der klimapodcast: (75) Klimagerechtigkeit beginnt in der Quartierstrasse (Basel 5/7)
Wenn der Straßenraum begrünt wird, drohen Mieten zu steigen: Ein kritischer Blick auf die soziale Dimension der Klimastadt Basel.
treibhaus - der klimapodcast
137 min read3401 min audioIn der fünften Episode ihrer Serie zur „Klimastadt Basel“ beleuchten Christoph Keller und Lilia Gurtner die Umgestaltung des öffentlichen Raums. Ausgehend von den sogenannten „Superblocks“ in Basel und stadtplanerischen Beispielen aus Berlin wird verhandelt, wer von verkehrsberuhigten und begrünten Quartieren profitiert. Der Diskurs dreht sich zentral um den Begriff der „Klimagerechtigkeit“ und den Schutz vulnerabler Gruppen.
Dabei setzen die Moderierenden und ihre Interviewpartner:innen als selbstverständlich voraus, dass städtische Transformationen zwingend soziale Schieflagen verschärfen, wenn keine staatlich steuernden Eingriffe erfolgen. Auffällig ist, wie stark das Auto einerseits als primäres Symbol für Flächenungerechtigkeit gerahmt wird, im Diskursverlauf aber anerkannt wird, dass vor allem einkommensschwache Schichtarbeiter:innen und migrantische Familien strukturell darauf angewiesen sind. Ökologische Aufwertung wird hier konsequent durch eine sozialpolitische Brille betrachtet.
### Zentrale Punkte
* **Widerstände bei konkreten Maßnahmen**
Christoph Keller zeige sich entsetzt, dass allgemeine Klimaziele zwar politisch mehrheitsfähig seien, konkrete Maßnahmen zur Finanzierung an der Urne jedoch kolossal scheitern würden.
* **Soziale Konflikte im Superblock**
Theres Wernli erkläre, dass der Abbau von Parkplätzen im Arbeiterquartier Konflikte schüre, da insbesondere migrantische Schichtarbeiter:innen strukturell weiterhin auf das Auto angewiesen seien.
* **Risiko der grünen Gentrifizierung**
Hanna Berner betone, dass ökologische Aufwertungen wie Baumpflanzungen ohne flankierenden Mieterschutz zwangsläufig zu steigenden Wohnkosten und der Verdrängung armutsbetroffener Gruppen führen würden.
* **Fehlende Bewältigungsmöglichkeiten**
Aline Masse argumentiere, dass politische Klimastrategien oft die Lebensrealität einkommensschwacher Menschen ignorieren und finanzielle Zusatzbelastungen auf diese Haushalte abwälzen würden.
### Einordnung
Die Episode leistet eine wertvolle Verknüpfung von Ökologie und Soziologie, indem sie städtischen Klimaschutz nicht als rein technische, sondern als zutiefst soziale Verteilungsfrage rahmt. Durch die Einbindung von Expertinnen aus Quartiersarbeit, Stadtplanung und Armutsbekämpfung gelingt eine differenzierte Perspektivenvielfalt, die über einfache moralische Pro-Contra-Muster hinausgeht. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die wirtschaftliche Perspektive – etwa von Gewerbetreibenden oder Vermieter:innen, die implizit für die Mietsteigerungen verantwortlich gemacht werden – nur passiv als Problemursache besprochen wird, eigene Stimmen dieser Akteur:innen im Diskurs aber fehlen. Sprachlich interessant ist die konsequente Entlarvung neoliberaler Strategien: Behördliche Hitze-Tipps an die Bevölkerung werden treffend als „Abwälzung aufs Individuum“ kritisiert, womit das systematische Versagen staatlicher Strukturen bei der Klimaanpassung rhetorisch sichtbar gemacht wird.
**Hörempfehlung**: Empfehlenswert für alle, die sich für Stadtentwicklung interessieren und verstehen wollen, warum ökologische Maßnahmen ohne soziale Absicherung scheitern können.
### Sprecher:innen
* **Christoph Keller** – Host, Journalist und Co-Produzent des Podcasts
* **Lilia Gurtner** – Host und Journalistin
* **Theres Wernli** – Leiterin des Stadtteilsekretariats Kleinbasel
* **Hanna Berner** – Referentin für Stadtentwicklung der Partei Die Linke
* **Aline Masse** – Leiterin Grundlagen und Politik bei der Caritas Schweiz