Der libertäre Monatsrückblick vom Anarchistischen Radio Berlin verbindet satirische Kommentare zu aktuellen Ereignissen mit zwei längeren Gesprächsblöcken: einer Podiumsdiskussion mit zwei exilierten Iranerinnen sowie einer Buchvorstellung zu „Mosaik der Resilienzen“. Die Perspektive, unter der politische Entwicklungen betrachtet werden, ist klar antistaatlich und antikapitalistisch – Herrschaft, Kontrolle und ökonomische Logiken werden grundsätzlich als Probleme gesehen, nicht als mögliche Lösungsansätze. Ob es um Atomkraft, Internetregulierung oder die Lage im Iran geht, stets wird misstraut, wenn Staaten handeln oder Sicherheit versprechen.
Zentrale Punkte
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Proteste im Iran: Klassenfrage und Vereinnahmung Die letzten Massenproteste seien von einer Mischung aus verarmten Schichten und Mittelschicht getragen worden, wobei die Beteiligung der Arbeiterklasse vermutlich stärker gewesen sei als in der vorherigen Bewegung. Gleichzeitig warne die Gesprächspartnerin vor monarchistischen Einflüssen, die teilweise vom Regime selbst lanciert worden seien, um progressive Linke zu schwächen.
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Krieg als Katalysator für Repression Der Kriegszustand komme dem iranischen Regime zugute. Unter dem Vorwand nationaler Sicherheit werde Unterdrückung verschärft und die Mobilisierung der Bevölkerung erschwert. Die Islamische Republik bleibe ein aktiver Teil eines globalen Kriegsregimes, auch wenn sie militärisch geschwächt aus dem Konflikt hervorgehe.
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Alterskontrolle als Infrastruktur der Überwachung Die Einführung von Altersnachweisen für Social Media in Australien und Europa wird als Vorwand beschrieben, um eine Infrastruktur zur totalen Identifizierung zu errichten. Aus Anonymität werde ein Risiko gemacht, während große Tech-Konzerne von der Datensammlung profitierten.
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Psyche und Kapitalismus zusammendenken Die Buchvorstellung kritisiert, dass Therapie und Psychiatrie strukturelle Ungerechtigkeiten wie Rassismus oder Klassismus ausblendeten. Gemeinschaftliches Atmen und kollektive Selbstermächtigung werden als widerständige Praxis beschrieben, die Schmerz zwar nicht beseitige, aber neue Handlungsräume eröffne.
Einordnung
Die Episode gibt einen lebendigen Eindruck davon, wie sich politische Analyse aus einer konsequent antiautoritären Haltung anhört. Die Gespräche zum Iran liefern eine dichte, von eigener Betroffenheit getragene Perspektive auf die Protestbewegung und die Kriegsdynamik. Besonders die Kritik an einem vereinfachenden Antiimperialismus, der die Repression im Innern des Iran ignoriert, zeigt eine ausdifferenzierte linke Position, die in deutschen Debatten oft zu kurz kommt. Die satirischen Passagen wiederum demonstrieren spielerisch, wie sich Alltagsmeldungen in eine grundsätzliche Herrschaftskritik einweben lassen.
Die libertäre Grundannahme – Staat und Kapitalismus sind per se Probleme – wird jedoch nicht befragt, sondern als gegebener Rahmen für die Analyse vorausgesetzt. Die Frage, wie etwa ein iranisches Regime jenseits von Interventionen von außen überwunden werden könnte, bleibt offen; Strategien werden eher im Durchhalten und in lokaler Selbstorganisation gesehen als in durchdachten Übergangsszenarien. Einmal setzt die Diskussion auf drastische Bilder: Wer eine Bombardierung des Iran durch andere Staaten befürworte und dafür auf der Straße tanze, während die eigene Familie im Iran lebe, kenne „keine Prinzipien“. Das zeigt eine wirkmächtige emotionale Rahmung, die inneriranische Stimmen als alleinigen moralischen Maßstab für Exil-Debatten aufruft.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die einen ungewohnten Blick auf Iran, Internetpolitik und psychische Gesundheit suchen und sich an pointierter Staatskritik nicht stören, bietet die Episode substanzielle Gespräche und polemischen Witz.
Sprecher:innen
- Zwei Hosts – Moderation des anarchistischen Monatsrückblicks vom Anarchistischen Radio Berlin
- Zwei exilierte Iranerinnen – Gesprächsgäste zur aktuellen Situation im Iran und zur Protestbewegung
- Kiana Gafari – Mitwirkende am Buch „Mosaik der Resilienzen“ zu Mental Health und Diaspora