In dieser Episode des Freien Radios wird die oft unzureichende Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus verhandelt, sowohl in der Politikwissenschaft als auch in Teilen der Linken. Der Soziologe Leo Röpert stellt die These auf, dass viele gängige Erklärungen die Rechtspopulist:innen zu bloßen, wenn auch fehlgeleiteten, Protestwähler:innen gegen Neoliberalismus und Globalisierung verharmlosten. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei oft, dass ökonomische Interessen das zentrale Motiv seien. Dem stellt Röpert eine Krisentheorie gegenüber, die den Rechtspopulismus als eine „konformistische Revolte“ begreift: eine irrationale und destruktive Art, mit den Verwerfungen des Kapitalismus umzugehen, ohne dessen wahre Ursachen erkennen zu müssen.
Zentrale Punkte
- Formalismus statt Inhaltskritik Die wissenschaftliche Debatte konzentriere sich auf den Populismus als bloße Rhetorik („Volk gegen Elite“) und vernachlässige die Analyse der konkreten rassistischen, antifeministischen und verschwörungsideologischen Inhalte, die damit einhergingen.
- Protest-These als Verharmlosung Linke Theoretiker:innen wie Streeck, Mouffe und Dörre unterstellten den Anhänger:innen des Rechtspopulismus im Kern ein rationales, ökonomisches Protestmotiv und verkennten die Eigendynamik von Rassismus und Autoritarismus als zentrale Antriebskräfte.
- Konformistische Revolte als Krisenreaktion Der Rechtspopulismus biete eine widersprüchliche Scheinlösung an: Er rebele gegen vermeintlich „dekadente“ Eliten, um zu einer imaginierten, „normalen“ Vergangenheit zurückzukehren und die Identifikation mit dem Bestehenden trotz Krise aufrechtzuerhalten.
Einordnung
Die Episode leistet eine fundierte und scharfsinnige Kritik an oberflächlichen und verharmlosenden Deutungen des Rechtspopulismus. Die Stärke liegt in der präzisen Analyse der ideologischen Gemeinsamkeiten und blinden Flecken prominenter linker Intellektueller. Besonders aufschlussreich ist Röperts Herausarbeitung der tiefen Ambivalenz in der extremen Rechten, die „westliche Freiheiten“ mal stolz gegen Migrant:innen verteidigt, um sie im nächsten Moment als Ursache zivilisatorischer „Dekadenz“ zu beklagen.
Die Diskussion bleibt jedoch fast vollständig im Theoretischen verankert. Wie sich die analysierten Mythen und autoritären Dynamiken konkret in politischer Mobilisierung, Alltagskultur oder sozialen Medien artikulieren, wird kaum gestreift. Zudem teilen Röpert und der Gastgeber die krisentheoretische Grundannahme, dass der gegenwärtige Kapitalismus in einem fundamentalen, ungelösten Krisenprozess steckt. Wer diese Prämisse nicht teilt, wird die darauf aufbauende Erklärung für den „Rechtsruck“ möglicherweise als zu monokausal empfinden. Die Analyse offenbart ihr kritisches Potenzial vor allem dann, wenn man sie als Gegenpol zu reinen „Protest“-Erklärungen liest, wie sie exemplarisch in diesem Zitat kritisiert werden: „Die Annahme ist dann immer, dass hinter dem Support [...] ökonomische Interessen stehen, ökonomische Anliegen, ökonomischer Protest und das führt dann eben oftmals zu so einer verharmlosenden Wahrnehmung.“
Sprecher:innen
- Leo Röpert – Soziologe, Autor von „Die konformistische Revolte. Zur Mythologie des Rechtspopulismus“
- Moderation – Nicht namentlich genannt, vertritt ein krisentheoretisches und kapitalismuskritisches Verständnis