Das Gespräch stellt drei künstlerische Arbeiten von Studierenden der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig vor, die sich mit dem Format des Radio-Interviews beschäftigen. Entstanden sind sie für die Ausstellung „Inter(-)Views“. Die Studierenden erläutern, wie sie sich dem Medium genähert haben – nicht als Journalist:innen, sondern als Künstler:innen, die das Interview als eine Methode der Begegnung, des Zuhörens und der kritischen Aneignung begreifen. Im Zentrum steht die Frage, wer in öffentlichen Gesprächsräumen zu Wort kommt und wie diese Räume verändert werden können. Die Auseinandersetzung mit dem Radio wird als ein Prozess beschrieben, bei dem das Medium und seine formalen Regeln nicht einfach übernommen, sondern grundlegend hinterfragt und umgedeutet werden.

Zentrale Punkte

  • Das Interview als persönlicher Erzählraum Nil Al-Hashimi habe ein 35-minütiges Gespräch mit seiner Mutter über ihre bevorstehende erste Reise in den Irak seit ihrer Flucht vor Saddam Hussein aufgenommen. Das formal angelegte Interview sei in ein sehr persönliches, emotionales Gespräch übergegangen. Ihm sei es darum gegangen, durch reines Zuhören erfahrbar zu machen, was in einem Menschen vor einer solch bedeutenden Reise vorgehe, und einen intimen Raum zu schaffen, der Exkludierung im öffentlichen Diskurs entgegenwirke.
  • Wahrnehmen statt Versprachlichen Teresa Flanderka habe das Wort „Interviews" zu „Inter(-)Views" umgedeutet und eine Serie von Klangstücken geschaffen, in denen es nicht um gesprochene Antworten gehe. Sie habe Teilnehmer:innen eingeladen, mit geschlossenen Augen ihre Lippen mit den Händen zu ertasten und lediglich wahrzunehmen, was dabei geschehe. Ziel sei es gewesen, einen Raum jenseits von Sprache zu öffnen, in dem Gefühle nicht sofort erklärt oder vereinnahmt werden müssten und auch Stille ihre Berechtigung habe.
  • Die Dekonstruktion des politischen „Wir" Fuxi Dürler habe sich mit der Neujahrsrede von Friedrich Merz auseinandergesetzt und darin 115 Verwendungen von „wir", „uns" und „unseres" in nur zehn Minuten identifiziert. Durch ein „Erasure Poem", bei dem alle anderen Wörter entfernt wurden, mache die Arbeit hörbar, wie mit solchen Kollektivbegriffen ein ausgrenzendes „Wir" konstruiert werde. Dieses „Wir" schließe queere, migrantische und behinderte Perspektiven systematisch aus und diene dazu, Macht auszuüben.

Einordnung

Das Gespräch liefert einen eindrücklichen Einblick in eine künstlerische Praxis, die Medien nicht nur nutzt, sondern ihre Funktionsweise selbst zum Gegenstand macht. Die Stärke liegt darin, dass die drei vorgestellten Arbeiten sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen reflektierte Ansätze verfolgen. Besonders überzeugend ist, wie die Studierenden die Auseinandersetzung mit einer journalistischen Form mit grundlegenden gesellschaftlichen Fragen verknüpfen – etwa nach Zugehörigkeit und Ausschluss. Die Verknüpfung von persönlicher Erfahrung (Fluchtgeschichte) mit struktureller Kritik (politische Rhetorik) ist klug gesetzt und zeigt, dass künstlerische Arbeit nicht im luftleeren Raum entsteht. Die Reflexion über kollektive Arbeitsprozesse und das Aufbrechen des Geniekults im Kunstbetrieb ist ein weiterer relevanter Punkt, der die eigene Positionierung innerhalb der Institution Hochschule glaubwürdig macht.

Kritisch anzumerken ist, dass der so betonte gemeinsame, solidarische Prozess und die schöne Geste des „Zuhörens" gelegentlich als eine Art automatisches Gegenmittel zu gesellschaftlicher Ausgrenzung präsentiert werden. Die Annahme, dass das Schaffen eines offenen Raums per se emanzipatorisch wirkt, wird selbst kaum hinterfragt. So wichtig und richtig das Benennen von Barrieren an der eigenen Hochschule ist, so sehr verbleibt die Kritik an der institutionellen Ebene im Gestus der Betroffenheit. Wenn etwa festgestellt wird, dass die Exklusion von Menschen mit Behinderungen ein „Thema von Exkludierung einfach die ganze Zeit noch ist", wird dies zwar benannt, aber nicht analytisch vertieft. Die Sprecher:innen umkreisen das Problem, dass eine Institution, die sich selbst als inklusiv bezeichnet, strukturell ausschließt – sie führen diesen Gedankengang jedoch nicht konsequent weiter, etwa zur Frage, welche Rolle die eigene Kunstschule in diesem System spielt. Hier ist das Format selbst eine Grenze.

Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die sich für die Schnittstelle von Kunst, politischer Sprachkritik und alternativen Formen des Radiomachens interessieren – und dafür, wie eine neue Generation von Künstler:innen über Teilhabe nachdenkt.

Sprecher:innen

  • Nil Al-Hashimi – Student der Medienkunst (2. Semester), Arbeit über ein persönliches Radio-Interview
  • Teresa Flanderka – Studentin der Medienkunst, Arbeit zu nonverbaler Wahrnehmung und Stille
  • Fuxi Dürler – Student der Medienkunst, Arbeit zur Dekonstruktion politischer Rhetorik
  • Moderatorin (nicht namentlich genannt) – Führt das Gespräch