Die Kritik an der angeblichen Unausgewogenheit der Medien ist längst ein fester Bestandteil politischer Debatten geworden, doch sie basiert meist auf diffusen Eindrücken statt auf messbaren Fakten. Klaus Raab, langjähriger Autor der medienjournalistischen Kolumne „Das Altpapier“, seziert in seiner Ausgabe vom 29. Mai 2026 dieses Phänomen pointiert und nimmt dabei vor allem die gefühlte Empörung prominenter Stimmen auseinander. Als Advokat für fundierten Medienjournalismus zeigt er auf, dass hinter der Forderung nach Ausgewogenheit oft der einfache Wunsch nach Bestätigung der eigenen Ansichten, nach medialer Gewogenheit, steckt.

Das zentrale Argument des Textes ist eine Verteidigung der empirischen Komplexität gegen die populistische Vereinfachung. Raab zitiert Sahra Wagenknechts Klage, die Meinungsvielfalt sei eingeschränkt, nur um sie mit einem „Spiegel“-Beleg zu konfrontieren, der sie als die am häufigsten gebuchte Talkshow-Gästin überhaupt ausweist. Es ist ein Paradebeispiel für die gefühlte Diskrepanz zwischen öffentlicher Klage und realer Repräsentation. Auch Uli Hoeneß und Julia Klöckner werden als Vertreter:innen einer Kritik vorgeführt, die die Medien pauschal für die Schwächung der politischen Mitte verantwortlich macht, ohne diese These je mit einer soliden Datenbasis zu unterfüttern.

Den argumentativen Dreh- und Angelpunkt liefert ein neues wissenschaftliches Gutachten der Universitäten Mainz und München, das Raab als notwendigen Einspruch gegen die grassierende „Gefühls- und Stimmungsdemokratie“ ins Feld führt. Die Kernbotschaft der Forscher:innen ist ernüchternd für alle vereinfachenden Kritiker:innen, denn das Gutachten zeigt, dass Ausgewogenheit schlicht keine feste, mit einem Zollstock messbare Größe ist. Die Analyse verdeutlicht, dass sich das Bild schlagartig ändern kann, je nachdem, ob etwa die „Tagesschau“ nach einem Proporzkriterium oder einem anderen Maßstab bewertet wird. Raab betont, dass die Untersuchung für eine dringend nötige Differenzierung zwischen Akteurs-, Themen- und Meinungsvielfalt plädiert und sogar sehr konkret wird: Formate mit dezidiert progressiver Ausrichtung wie „Monitor“ und konservative wie „Klar“ könnten demnach im Zusammenspiel geprüft werden, denn es sei „ausreichend, wenn unterschiedliche Formate unterschiedliche Perspektiven einnehmen, solange sichergestellt ist, dass dadurch insgesamt Ausgewogenheit und Vielfalt gewährleistet ist.“

Doch Raab belässt es nicht bei der Verteidigung des Status quo, sondern konfrontiert die Leser:innen mit einer bitteren Pointe: Ausgerechnet in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, die im Zentrum der Kritik stehen, fristet fundierte Medienkritik selbst ein Nischendasein. Während Klöckner und Söder mehr Vielfalt einfordern, werden Formate wie „Zapp“ im NDR geschwächt oder stehen wie beim Deutschlandradio im Zuge von Strukturreformen sogar zur Disposition. Raab zitiert Stefan Niggemeier von „Übermedien“ mit der Sorge, dass eine themenübergreifende Zusammenlegung von Sendungen genau die einzigartige Tiefe und Nischenkompetenz zerstöre, die es für ernsthafte Medienbeobachtung braucht. Das Paradox ist perfekt: Die lautstärkste Medienkritik fordert eine Vielfalt ein, deren eigene Beobachtungs- und Reflexionsflächen gerade abgebaut werden.

Einordnung

Klaus Raabs Text ist eine präzise und intellektuell elegante Intervention gegen die grassierende „postfaktische“ Medienkritik, deren rhetorische Hauptwaffe das „Gefühl“ ist. Indem er politischen Akteur:innen wie Wagenknecht, Klöckner und Söder die empirische Grundlage ihrer Behauptungen entzieht, entlarvt er deren Forderungen geschickt als das, was sie oft sind: ein strategischer Kampf um Deutungshoheit, nicht um tatsächliche Ausgewogenheit. Die unausgesprochene Annahme des Textes ist dabei klar: Fundierte Wissenschaft schlägt instrumentalisierte Erfahrungsberichte. Diese Position stärkt den Qualitätsjournalismus und eine evidenzbasierte Medienpolitik, blendet aber ein wenig aus, dass auch die Wissenschaft und ihre Auftraggeber:innen – hier der Bayerische Rundfunk – nicht in einem völlig interessensfreien Raum agieren. Die Perspektive derjenigen Bürger:innen, deren Frustration real ist, auch wenn ihre Fakten falsch sind, wird zugunsten dieser intellektuellen Zuspitzung marginalisiert.

Relevant ist der Text nicht nur für Medienprofis, sondern für alle, die sich an der teils hysterisch geführten Debatte um die Öffentlich-Rechtlichen reiben. Raab bietet eine überzeugende Argumentationsgrundlage gegen die pauschale Verurteilung des Systems, ohne dessen offensichtliche Schwächen – etwa die eigene Medienkritik betreffend – schönzureden. Lesenswert ist diese Ausgabe daher besonders für diejenigen, die eine faktenbasierte, nuancierte Einordnung in einer von Polemik geprägten Diskussion suchen.