In dieser Episode von „Kaffee, extra schwarz“ diskutieren die Gastgeber Ahmad Mansour und Oliver Mayer-Rüth mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Rüdiger Lucassen. Anlass ist eine Rede des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke, in der dieser die Wehrpflicht ablehnte, weil Deutschland seiner Ansicht nach nicht mehr verteidigungswert sei. Lucassen, selbst Oberst a.D., habe diese Position öffentlich scharf kritisiert und daraufhin parteiinterne Konsequenzen erfahren.

Das Gespräch kreist um die Frage, wie patriotisch die AfD eigentlich sei und ob sie geschlossen für die Landesverteidigung eintrete. Während Lucassen betone, dass Patriotismus bedeute, das Land mit all seinen Institutionen zu verteidigen, zeichne sich in der Partei ein Richtungsstreit ab. Die Gastgeber haken immer wieder nach, wie sich Lucassens Position zur Linie Höckes verhalte und ob die AfD noch verlässlich zur NATO stehe. Als selbstverständlich werde vorausgesetzt, dass Wehrhaftigkeit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei – die Frage, ob eine Wehrpflicht überhaupt wünschenswert sei, stehe nicht zur Diskussion.

Zentrale Punkte

  • Patriotismus als „nicht verhandelbar“ Lucassen definiere Patriotismus als vorbehaltloses Eintreten für das eigene Land. Höckes Aussage, Deutschland sei nicht mehr verteidigungswert, habe für ihn eine „rote Linie“ überschritten, weil man als Patriot das Land lieben und nicht in Gänze verurteilen müsse.
  • Wer Deutscher sein darf Auf Mansours kritische Nachfrage zum AfD-Begriff „Passdeutsche“ räume Lucassen ein, dass es Unterschiede zwischen rechtlichem Status und gefühltem Deutschsein gebe. Er wehre sich jedoch gegen eine Einteilung in zwei Klassen von Deutschen, betone aber gleichzeitig kulturelle Prägung durch Mehrheitsgesellschaft und Geschichte.
  • Wehrpflicht als ideelles Instrument Die Wehrpflicht sei für Lucassen nicht nur militärisch, sondern vor allem ein Instrument gesellschaftlicher Integration. Höcke instrumentalisiere Ängste junger Menschen und verknüpfe die Wehrpflicht mit einem angeblichen generellen Verfall des Landes – eine Haltung, die Lucassen als nicht mehrheitsfähig in der AfD bezeichne.
  • Bündnispolitik und historische Verantwortung Auf die Frage, ob die AfD in der NATO bleibe, könne Lucassen keine Zusage geben. Er argumentiere, dass Sicherheitspolitik dynamisch sei und Deutschland mit Russland reden müsse. Die nationalsozialistischen Verbrechen blendet Lucassen in seiner Rede aus, was er mit dem engen Zeitrahmen begründe.

Einordnung

Stärken Das Gespräch macht einen selten sichtbaren innerparteilichen Konflikt der AfD greifbar. Lucassen grenzt sich von Höckes drastischer Rhetorik ab – darin liegt eine gewisse Offenheit, auch wenn er die strukturellen Folgen dieser Positionierung innerhalb der Partei beschreibt. Die Gastgeber setzen mit präzisen Nachfragen an Lucassens Widersprüchen an, anstatt sich auf bloße Skandalisierung zu beschränken. So entsteht über weite Strecken ein schärferes Bild davon, wie unterschiedlich „Patriotismus“ selbst innerhalb einer Partei gefüllt wird.

Schwächen und Lücken Die historische Verantwortung Deutschlands kommt nur punktuell vor. Lucassens Argument, für die NS-Zeit sei in seiner Rede schlicht kein Platz gewesen, steht unkommentiert im Raum. Ebenso unhinterfragt bleibt die Rahmung, wonach das Gedenken an die Verbrechen der Vergangenheit Deutschland „lähmen“ könne – eine Darstellung, die sich in rechten Diskursen verstetigt hat. Dass Lucassen den iranischen Staat als „Kopf der Schlange des Islamismus“ bezeichnet, wird nicht eingeordnet, obwohl hier ein regionaler Konflikt pauschalisiert wird. Die von Lucassen vorgetragene Sicht, Deutschland werde „heruntergewirtschaftet“, wird nicht mit konkreten Belegen hinterfragt – ein gängiges Muster in dieser Folge. In der Diskussion um Wehrpflicht fehlt die Perspektive derjenigen, die tatsächlich eingezogen würden – also jene jungen Menschen, deren Ängste Lucassen als „unberechtigt“ abtut.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die einen Einblick in innerparteiliche Widersprüche der AfD zu Kernfragen wie Wehrpflicht und Bündnispolitik suchen, bietet diese Episode einen aufschlussreichen, teils zähen Austausch.

Sprecher:innen

  • Ahmad Mansour – Deutsch-israelischer Autor und Psychologe, streitbarer Co-Host des Podcasts
  • Oliver Mayer-Rüth – Journalist und Co-Host, führt durch das Gespräch mit kritischen Einwürfen
  • Rüdiger Lucassen – AfD-Bundestagsabgeordneter, Oberst a.D., ehem. verteidigungspolitischer Sprecher