Das ARD Radiofeature von Lea Eichhorn und John Goetz zeichnet anlässlich eines Berliner Kongresses 2026 die Geschichte von WikiLeaks und Julian Assange nach. Die Dokumentation montiert Archivmaterial und Gespräche mit Weggefährt:innen zu einer Chronik, die Assange als kompromisslosen Pionier des digitalen Journalismus darstellt. WikiLeaks wird hier als Projekt beschrieben, das die etablierte Medienwelt herausgefordert und die Pressefreiheit auf eine neue Stufe gehoben habe. Die Erzählung bewegt sich weitgehend im Horizont der Unterstützer:innen und folgt der Prämisse, dass das Aufdecken von Staatsgeheimnissen per se ein demokratischer Akt sei.
Zentrale Punkte
- Journalismus als Geheimnisverrat WikiLeaks habe die Aufgabe des Journalismus darauf zugespitzt, Regierungen ihre Geheimnisse zu entreißen. Assange habe sich diesem Ansatz treu geblieben und sich nie von großen Stiftungen oder der etablierten Presse „mäßigen” lassen – was sowohl als seine größte Stärke als auch als Grund für die spätere Isolation dargestellt wird.
- Der Preis der Konfrontation Die Verfolgung Assanges durch die USA wird als existenzieller Angriff auf einen journalistischen Akteur geschildert, der ein Exempel statuieren sollte. Der spätere Schuld-Deal von 2024 wird als ambivalenter Sieg bewertet: Assange sei frei, doch die Botschaft, dass solcher Journalismus ein Verbrechen sein könne, bleibe als einschüchterndes Signal zurück.
- Unkontrollierte Transparenz als Zerreißprobe Die Episode zeigt den Bruch mit den Medienpartnern 2011, weil Assange auf der ungeschwärzten Veröffentlichung aller Dokumente bestand. Seine Haltung, Informationen ohne redaktionelle Filterung auszugeben, wird als unvereinbar mit klassischem journalistischem Verantwortungsbewusstsein beschrieben, das Quellen interpretieren und schützen wolle.
Einordnung
Die Stärke dieses Features liegt in seiner dichten Atmosphäre und der Vielzahl an Originalstimmen. John Goetz gewährt einen selten persönlichen Einblick in die Zusammenarbeit mit Assange, etwa in der Schilderung gemeinsamer Sushi-Essen oder der paranoid wirkenden, aber begründeten Abhörvorkehrungen in der ecuadorianischen Botschaft. Solche Details verleihen dem Porträt Tiefe und Nähe. Holger Starks nüchterne Einordnung von Assanges misstrauischem Freund-Feind-Denken oder die Diskussion um rot geschwärzte Berichte zeigen, dass auch interne Konflikte nicht völlig ausgeblendet werden.
Zugleich bleibt die Dokumentation merklich der Perspektive von WikiLeaks und seinem Gründer verhaftet. Das Mantra „alles was reinkommt, muss auch wieder rauskommen” wird zwar von Stark als journalistisch problematisch benannt, aber das ethische Versprechen, immer und ohne Abwägung jedes Geheimnis zu veröffentlichen, wird selbst nicht grundsätzlich hinterfragt. Die Vorwürfe sexueller Übergriffe aus Schweden werden aufgerufen, doch die belasteten Frauen selbst kommen nicht zu Wort; stattdessen wird die Episode überwiegend genutzt, um Assanges Verdacht einer CIA-Intrige Raum zu geben. Auffällig ist die Rahmung, der „zivilisatorische Westen verrate seine Grundwerte“ – eine Formulierung, die unausgesprochen voraussetzt, der Westen besitze diese Werte und Assange sei der Einzige, der sie einklage. Die Sprecher:innen sind fast ausschließlich Journalist:innen, die selbst mit WikiLeaks kooperiert haben. Die Gegenposition – etwa die der US-Justiz oder von Sicherheitsbehörden, die den Quellenschutz von Informanten gefährdet sahen – wird lediglich als „Angriff auf die Pressefreiheit“ oder als „Sieg der Mächtigen“ zurückgewiesen.
Hörempfehlung: Eine atmosphärisch dichte, quellengesättigte Chronik für Hörer:innen, die die Innensicht der WikiLeaks-Geschichte aus Perspektive der Beteiligten verstehen wollen – mit kritischer Distanz zur starken Nähe des Features zu seinem Protagonisten.
Sprecher:innen
- John Goetz – Investigativjournalist (ex-Spiegel/NDR), langjähriger Weggefährte und Freund Assanges
- Holger Stark – Stellv. Chefredakteur und Investigativrecherche-Leiter bei DIE ZEIT
- Stefania Maurizi – Italienische Investigativjournalistin (Il Fatto Quotidiano), WikiLeaks-Partnerin
- Julian Assange – Gründer von WikiLeaks (Archivmaterial und Reden)
- Joseph Farrell – Britischer Journalist und langjähriger WikiLeaks-Mitarbeiter