Der Newsletter des Verfassungsblogs, verfasst von einem oder einer offenkundig im EU-Recht und Wettbewerbsrecht versierten Autor:in, rückt eine oft übersehene Dimension des demokratischen Verfalls in Ungarn ins Zentrum: die gezielte Umgestaltung der Märkte und des Wettbewerbsrechts. Die Kernthese lautet, dass der Aufstieg und die Machtkonsolidierung von Fidesz nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch bedingt waren und die Wiederherstellung der Demokratie daher zwingend eine wettbewerbsrechtliche Neuordnung erfordert.

Als Grundlage dient die Beobachtung, dass Fidesz‘ überwältigender Wahlsieg 2010 inmitten einer schweren Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit und sozialer Ungleichheit erfolgte. Das neoliberale Transformationsmodell Osteuropas habe viele Menschen abgehängt, was die Partei geschickt ausnutzte. Einmal an der Macht, intervenierte Fidesz massiv in die Wirtschaft – teils mit sozialpolitischen Maßnahmen, vor allem aber, um politische und ökonomische Macht zu verschmelzen. Der Text belegt dies detailliert: Ganze Sektoren wie Schienen- und Straßenpersonenverkehr, Energiehandel oder Schulbuchmärkte wurden per Gesetz monopolisiert und staatlichen Akteuren zugeschanzt. Korruptionsrisiken stiegen, die Vergabe öffentlicher Mittel wurde undurchsichtig.

Besonders kritisch analysiert der Newsletter die Aushöhlung der ungarischen Wettbewerbsbehörde GVH. Deren Fähigkeit, offene Märkte zu schützen, wurde durch selektive Rechtsdurchsetzung und legislative Ausnahmetatbestände systematisch untergraben. Ein zentrales Beispiel ist der berüchtigte Artikel 24/A des Wettbewerbsgesetzes, der es der Regierung erlaubte, Fusionen von der Prüfung durch die GVH auszunehmen, wenn sie im „öffentlichen Interesse“ liegen. Dies ermöglichte die Schaffung eines regierungstreuen Medienmonopols: "KESMA exemption enabled the government to bypass GVH scrutiny and allowed for the creation of a dominant, pro-government media group.“ Für den Autor:in ist dieser Vorgang nicht nur ein Wettbewerbsproblem, sondern verfassungsrechtlich höchst relevant, da so eine unkontrollierte Macht über eine Grundvoraussetzung demokratischer Diskurse – die Medienvielfalt – ausgeübt wurde.

Aus dieser Diagnose leitet der Text konkrete Reformvorschläge für einen demokratischen Neuanfang ab, die er als genuin verfassungsrechtliche Fragen versteht. Die Vorschläge sind technisch präzise und reichen von der Entpolitisierung der GVH-Führung durch unabhängige Berufungskomitees über die Abschaffung der Fidesz-Ära-Ausnahmeregeln bis hin zu einem transparenteren System der Fall-Priorisierung, um selektive Rechtsdurchsetzung zu verhindern. Bürger:innen und Zivilgesellschaft sollen durch formelle Konsultationen stärker in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.

Zwei besonders brisante Punkte betreffen die Vergangenheit: Zum einen wird die Möglichkeit einer nachträglichen Prüfung bereits immunisierter Fusionen über den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung (Artikel 102 AEUV) nach dem Towercast-Urteil des EuGH erwogen. Zum anderen wird eine proaktive Kooperation mit der EU-Kommission zur Rückforderung unrechtmäßig gewährter Staatsbeihilfen gefordert, die in der Orbán-Ära politisch verbundene Unternehmen begünstigten. "State resources were channelled to politically connected firms in ways that may constitute unlawful state aid under EU law,“ heißt es dazu.

Einordnung

Die Analyse ist ein wertvoller, faktenreich untermauerter Beitrag, der die oft abstrakt geführte Demokratie-Debatte um eine handfeste materiell-rechtliche Dimension erweitert. Sie enttarnt Wirtschaftspolitik nicht als technokratisches Beiwerk, sondern als zentrales Herrschaftsinstrument. Das Framing ist klar: Recht wird als potenzielles Werkzeug sowohl autokratischer Machtsicherung als auch demokratischer Wiederherstellung gesehen. Diese Perspektive ist besonders für ein juristisch vorgebildetes Publikum überzeugend.

Allerdings bleiben bestimmte Annahmen implizit. Der Text vertraut stark auf die reinigende Kraft rechtsstaatlicher und wettbewerbsrechtlicher Verfahren, ohne die enormen politischen Hürden für deren Umsetzung unter einer weiterhin feindseligen oder nach dem Fidesz-Sturz fragmentierten Regierungskonstellation zu problematisieren. Die Perspektive der ungarischen Zivilgesellschaft kommt zwar in den Reformvorschlägen vor, ihre tatsächlichenMachtressourcen, Traumata und Widerstandsformen während der Fidesz-Jahre werden aber nicht tiefgehend analysiert. Wer denkt, reine Rechtsreformen könnten die soziale Verbitterung und das Misstrauen heilen, die den Autoritarismus nährten, blendet die kulturelle und gesellschaftliche Tiefendimension der Krise etwas aus.

Der Text normalisiert keine demokratiefeindlichen Inhalte, er tut das Gegenteil. Bedenkenswert ist jedoch die fast ausschließliche Fokussierung auf den Staat und die EU als Heilsbringer, was eine liberale, aber auch leicht technokratische Agenda fördert. Für alle, die verstehen wollen, wie moderne Autokratien ökonomische Macht zementieren und wie ein juristischer Fahrplan für den Weg zurück aussehen könnte, ist dieser Newsletter dennoch ausdrücklich lesenswert. Wer hingegen nach einer Analyse der sozialen Bewegungen oder der Alltagserfahrungen der ungarischen Bürger:innen sucht, wird nur bedingt fündig.