Die Kartografin Anna Lena Schiller hält auf der re:publica 26 den Vortrag „Mapping ist Macht: Wie Karten als Werkzeuge der Kontrolle dienen“. Sie argumentiert, dass Karten nie neutrale Abbilder der Welt seien, sondern stets politische Instrumente, die Machtverhältnisse formen und sichtbar machen. Anhand historischer und aktueller Beispiele zeigt sie, wie durch Kartierung Räume erschlossen, Kontrolle ausgeübt und Perspektiven durchgesetzt werden.

Google Maps ignoriere Durchfahrverbote und löse Anwohnerproteste aus

Schiller berichtet von einem Fall in einem bayerischen Dorf, in dem ein Algorithmus von Google Maps den Autobahn-Stau durch die Ortschaft umleitete, obwohl ein Durchfahrverbot bestand. Sie zitiert den daraus resultierenden Protest: Man habe „Bagger auf die Straßen“ gestellt und Wege blockiert, um die Autos abzuhalten. Gegen den Baggerbesitzer sei daraufhin „wegen Verdacht auf Nötigung im Straßenverkehr“ ermittelt worden. Dies illustriere, dass Karten nicht nur Verkehr lenkten, sondern unmittelbar politische und rechtliche Konsequenzen nach sich zögen.

Durch Gerrymandering würden Wahlergebnisse durch geometrische Tricks verschoben

Am Beispiel der USA erklärt Schiller, wie Wahlkreise in „sehr merkwürdige Formen“ zugeschnitten würden, um politische Mehrheiten zu beeinflussen. Diese Praxis zeige, dass „Demokratie auch eine Frage der Kartierung“ sei. Sie stellt heraus, dass diese Geometrien nicht neutral seien, sondern Mehrheiten stabilisieren oder ganze Bundesstaaten „in die andere politische Richtung kippen“ könnten.

Predictive Policing erschaffe einen sich selbst verstärkenden Kreislauf polizeilicher Kontrolle

Schiller warnt vor algorithmischen Systemen, die aus bestehenden, voreingenommenen Polizeidaten lernten und diese Verzerrungen durch erhöhte Polizeipräsenz in als „Risikozonen“ markierten Bereichen verfestigten. Es entstehe ein Kreislauf: „Wo mehr Polizei ist, entstehen mehr erfasste Daten, die wiederum mehr Polizei rechtfertigen“. Die Karte werde so zu einem „sich selbst verstärkenden System“.

Die Karte sei das Geschäftsmodell hinter Lieferrobotern und Satelliten-Daten

Schiller erläutert, dass Lieferroboter eine Woche lang Gehwege kartierten, bevor sie ihre erste Pizza ausliefen. Das eigentliche Geschäftsmodell sei die Karte, nicht die Lieferung. Zudem seien Daten aus dem Spiel Pokémon Go unbemerkt genutzt und an Roboterfirmen verkauft worden. Auch im Orbit werde nach dem Prinzip „first come, first serve“ verfahren, wodurch sich private Akteure wie Elon Musk und Jeff Bezos die Kontrolle über Satellitenbahnen sicherten.

Tiefsee-Kartierung sei eine Strategie zur Aneignung von Rohstoffen vor jeglicher Regulierung

In der Clarion-Clipperton-Zone im Pazifik lägen 21 Milliarden Tonnen polymetallischer Knollen. Schiller betont, dass Explorerlizenzen von Staaten gehalten würden, die offiziell für ein Moratorium beim Tiefseebergbau einträten. Dies sei kein Widerspruch, sondern Strategie: „Wer kartiert, sicherte sich den Zugriff, bevor irgendjemand überhaupt entschieden hat, ob das erlaubt sein soll.“

Einordnung

Der Vortrag besticht durch eine klare dramaturgische Linie, die von historischen Weltkarten über die Gegenwart bis zu zukünftigen „Battlegrounds“ führt. Schiller verbindet prägnante Fallbeispiele mit einer alltagsnahen Sprache und vermeidet akademischen Jargon, was die komplexe Thematik der kritischen Kartografie einem breiten Publikum zugänglich macht. Die rhetorische Strategie zielt auf die Entlarvung scheinbar neutraler Technologien als Machtinstrumente, wobei die Sprecherin geschickt zwischen Enthüllungsgestus und konstruktivem Ausblick changiert. Besonders auffällig ist die Verdichtung verschiedener Machtdimensionen – geopolitisch, finanziell, algorithmisch – zu einem kohärenten Narrativ, das die Zuhörenden von passiven Nutzer:innen zu potenziell Ermächtigten machen soll.

Strukturell setzt Schiller auf starke Kontraste und eine suggestive Bildsprache („Die Karte als Werkzeug der Aufteilung“, „Wer kartiert, entscheidet, wer Macht hat“). Die Argumentation ist pointiert, aber tendenziell monoperspektivisch. Finanzielle oder sicherheitspolitische Legitimationen der kritisierten Kartierungspraktiken – etwa bei Predictive Policing oder Satellitenkonstellationen – werden kaum erwähnt oder sofort als Deckmantel für Machtinteressen entlarvt. Die dominierende Frame ist jener der Kontrolle versus Emanzipation; alternative Narrative, die Kartierung als kollektiven Erkenntnisgewinn oder notwendige Infrastrukturleistung betrachten, bleiben außen vor.

Die Einbindung von Countermapping-Beispielen ist konsequent, aber etwas schematisch. Die vorgestellten Gegenprojekte wirken wie eine direkte Spiegelung der zuvor aufgebauten Ohnmachtsszenarien. Schillers abschließende Handlungsaufforderungen (Macht erkennen, verteilen, selbst ermächtigen) sind appellativ und verleihen dem Vortrag einen aktivistischen Impetus. Das Format der re:publica unterstützt diesen Ansatz, setzt aber zugleich ein Publikum voraus, das für technik- und machtkritische Perspektiven bereits sensibilisiert ist. Die visuelle Ebene mit eingeblendeten Schlagzeilen und Kartenmaterial unterstreicht die Argumentation wirkungsvoll, ohne sie zu überfrachten.