René Martens, freier Medienjournalist und Autor der MDR-Kolumne "Das Altpapier", nimmt in dieser Ausgabe die deutsche Berichterstattung über ein von Donald Trump verbreitetes KI-Video auseinander. Das Video zeigt, wie Trump den Late-Night-Host Stephen Colbert in eine Mülltonne wirft. Martens‘ zentrale These ist so einfach wie vernichtend: Viele deutsche Medien übernehmen unkritisch das faschistoide Vokabular und die Narrative der Macht, anstatt sie einzuordnen und zu bekämpfen. Sie werden so, bewusst oder unbewusst, zu Verstärkern autoritärer Propaganda.

Der Autor seziert minutiös die Wortwahl verschiedener Medien. Statt von einem "menschenverachtenden KI-Video" zu sprechen, hätten Schlagzeilen wie "Trump entsorgt Colbert in der Tonne" das unmenschliche Framing Trumps ohne jede Distanzierung reproduziert. Für Martens ist das kein Zufall, sondern ein eklatanter Fall von "Amplifikation". Der "Spiegel" setze mit dem Begriff "Nachtreten" sogar noch einen drauf und stelle Trumps Aktion als Reaktion auf eine vergleichbare Tat Colberts dar. Als leuchtendes Gegenbeispiel zitiert Martens den ORF-Moderator Armin Wolf, der das Video klar als das benennt, was es ist: eine "'Entsorgungs'-Fantasie", die an die "Reibpartien" der NS-Zeit erinnere und ein "originäres Merkmal von Faschismus" darstelle.

Im zweiten Teil erweitert Martens seine Kritik zu einer grundsätzlichen Anklage des journalistischen Handwerks. Er prangert die Verunklarung offensichtlicher Tatsachen durch Phrasen wie "Kritiker vermuten" oder "Fans zweifeln" an. Dass die Absetzung von Colberts Show bei CBS mit "rein finanziellen Gründen" begründet wurde, sei eine "außergewöhnlich plumpe Lüge", um politischen Druck aus Washington zu verschleiern. Viele Medien hätten diese Lüge jedoch nicht klar benannt, sondern durch Relativierungen eine falsche Äquivalenz geschaffen. Martens bitteres Fazit lautet: "Bedroht wird der Journalismus nicht zuletzt von Journalisten."

Abschließend berichtet Martens von einem US-Ansatz, der die Frage stellt, wie die Berichterstattung aussähe, wenn von der Prämisse ausgegangen würde, Trump sei "mad rather than sane". Unter Berufung auf Texte von Alan Rusbridger und die "New Republic" legt er dar, dass viele von Trumps Verhaltensweisen – von Impulsivität bis Verwirrung – bei einem Familienmitglied längst zu einer medizinischen Untersuchung führen würden. Diese Perspektive, so wird impliziert, wäre ein journalistischer Befreiungsschlag, der die zwanghafte Neutralität gegenüber offensichtlichem Irrsinn durch eine am Gemeinwohl orientierte Haltung ersetzen könnte.

Einordnung

Martens‘ Text ist brillant geschriebene, notwendige und wütende Medienkritik von innen. Seine Argumentation ist präzise, seine Belege sind stichhaltig und seine moralische Klarheit wohltuend. Er deckt schonungslos auf, wie sprachliche Nachlässigkeit oder vorauseilender Gehorsam gegenüber der Macht demokratische Diskurse aushöhlen. Allerdings ist seine Perspektive auch absolut. Ausgeblendet wird die redaktionelle Realität, in der Zwänge wie Kürze oder der Versuch, vermeintlich neutrale Sprache zu verwenden, zu den monierten Formulierungen führen können, ohne dass eine bewusste "Irreführungsstrategie" dahintersteckt. Martens unterstellt den Kolleg:innen pauschal die Kapitulation vor dem Faschismus, was seine These stark macht, aber auch alle jene vor den Kopf stößt, die seine Diagnose teilen, aber mit anderen sprachlichen Mitteln arbeiten.

Die Kolumne ist ein hochrelevanter und unbequemer Prüfstein. Wer sich für die ethische Verantwortung des Journalismus in Zeiten des Autoritarismus interessiert, findet hier eine Pflichtlektüre. Sie ist eine klare Leseempfehlung für alle, die eine kompromisslose, meinungsstarke Einordnung schätzen. Leser:innen, die eine ausgewogene Analyse mit abgewogenen Perspektiven suchen, werden hier jedoch nur eine Seite der Medaille finden.