Solarenergie gilt oft als teuer und subventionsabhängig. Der Unternehmer Mike Silvestrini zeichnet in diesem Gespräch ein anderes Bild: In vielen Schwellenländern sei Sonnenkraft auch ohne staatliche Förderung das günstigste und rentabelste Mittel zur Stromerzeugung – vorausgesetzt, man kommt an Kapital. Mit seiner Plattform Energea umgeht er institutionelle Großinvestoren und wirbt direkt bei Kleinanleger:innen in den USA ein, die sich so mit Beträgen ab 100 Dollar an Solarkraftwerken beteiligen können. Im Kern geht es um die Wette, dass man in Ländern mit viel Sonne und knappem Kapital die höchsten und stabilsten Renditen erzielt, während man gleichzeitig die Stromversorgung vor Ort verbessert. Silvestrini stellt Profit und gesellschaftlichen Nutzen dabei nicht als Gegensatz dar, sondern beschreibt sie als natürliche Verbündete: Genau dort, wo das Geld fehle, seien die Projekte für renditeorientierte Anleger:innen am attraktivsten.
Zentrale Punkte
- Renditejäger in Nischenmärkten Energea suche gezielt Länder auf, in denen institutionelles Kapital aufgrund vermeintlich hoher Risiken fehle, aber die reale Nachfrage nach Solarstrom groß sei. In Brasilien, Südafrika und Kolumbien seien so Renditen zwischen 7 und 14 Prozent in US-Dollar möglich, was die Schwankungen lokaler Währungen und politische Unwägbarkeiten ausgleichen solle.
- Flexibles Kapital schlägt Institution Silvestrini argumentiert, dass das von Privatanleger:innen eingesammelte Geld schneller und beweglicher eingesetzt werden könne als das großer Fonds. Weil Energea selbst operativ in den Ländern tätig sei und Entscheidungen „ohne Restriktionen" treffen könne, habe dieses Kapital die von institutionellen Geldgebern verwalteten Portfolios in der Performance deutlich geschlagen.
- Profit und Stromzugang als ein Ziel Die größte Wirkung erziele man nicht aus karitativen Motiven, sondern durch konsequentes Gewinnstreben, so die These. Projekte in Gegenden ohne zuverlässigen Stromzugang – wie über den kolumbianischen Partner Helios – seien übersehene und deshalb hochprofitable Anlagechancen. Solarstrom sei dort oft die erste verlässliche Energiequelle und ermögliche lokale Wirtschaftsentwicklung.
- Entpolitisierung des Geschäfts Anders als in den USA mit ihren Steuergutschriften und Zöllen komme das Geschäft in den Zielländern weitgehend ohne Regierungskontakt aus, behauptet Silvestrini. Der Strom werde direkt an private Abnehmer verkauft, der Markt reguliere sich selbst. Diese Abwesenheit von Politik wird als Standortvorteil und nicht als Risiko dargestellt.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen detaillierten und ungewöhnlichen Einblick in die Finanzierungslogik dezentraler Energiewendeprojekte. David Roberts hakt bei Risiken, Renditequellen und politischen Rahmenbedingungen kenntnisreich nach, wodurch Silvestrinis unternehmerische Perspektive klar herausgearbeitet wird. Dessen Expertise und tiefe Marktkenntnis sind offensichtlich; die Schilderung des brasilianischen Solarmarktes oder der Herausforderungen in Südafrika sind erhellend. Positiv ist, dass sehr konkret über erzielte und erwartete Renditen, Gebührenstrukturen und regulatorische Hürden gesprochen wird – ein Maß an Transparenz, das in dieser Branche nicht selbstverständlich ist.
Die gewählte Perspektive ist jedoch auffallend eng und setzt eine Reihe von Annahmen als selbstverständlich voraus. Die Darstellung, dass der kolumbianische Staat über einen Fonds nur als zuverlässiger Geldgeber auftaucht, der kaum Risiken birgt, ist bemerkenswert einseitig. Politische Wechsel, soziale Konflikte um Landrechte oder lokale Widerstände gegen externe Investoren – Risiken, die in Schwellenländern real sind – werden entweder als beherrschbar oder als in den USA schlimmer dargestellt. Silvestrinis Erzählung, dass sein Geschäft „ohne Regierungskontakt" auskomme, ignoriert die hochpolitischen Rahmenbedingungen (Eigentumsrechte, Netzzugang, progressive Stromtarife in Kolumbien), die seine Gewinne überhaupt erst ermöglichen. Die Deutungshoheit über das, was „Wirkung" ist, liegt allein beim Investor: Die Nutzer:innen vor Ort kommen nicht als Subjekte mit eigenen Wünschen vor, sondern als dankbare Abnehmer und spannende Anekdoten. Der Satz, Energea verfolge einen „ausschließlich kapitalistischen Ansatz", bei dem es eine „Sünde" sei, Geld zu verlieren, bringt diese einseitige Priorisierung auf den Punkt: Nicht die weltweite Energiearmut ist der Handlungsantrieb, sondern die Suche nach den besten Renditen. Diese Marktlogik mag funktionieren und Mehrwert schaffen, verkürzt den Blick auf Entwicklung aber auf das rein Finanzielle. Sie kommt als Erzählung daher, die strukturelle Ungerechtigkeiten zwischen globalen Anleger:innen und lokalen Gemeinschaften unsichtbar macht.
Sprecher:innen
- David Roberts – Host von Volts, berichtet und analysiert seit fast 20 Jahren über saubere Energie und Klimapolitik.
- Mike Silvestrini – Mitgründer und Managing Partner von Energea, zuvor Entwickler von Großprojekten im Bereich erneuerbare Energien.